National Geographic Germany - 03.2020

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Der „Circularity Gap“, die „Kreislauf-Lücke“,
wie de Wit und seine Kollegen es nannten, als sie
2018 ihren Bericht beim Weltwirtschaftsforum
in Davos vorlegten, ist ein relativ neues Phä-
nomen in der Menschheitsgeschichte. Es geht
zurück auf unsere industrielle Nutzung fossiler
Brennstoffe im 18. Jahrhundert. Bis dahin wurde
das meiste, was Menschen taten, mit Muskel-
kraft geschafft, menschlicher oder tierischer.
Etwas anzubauen, herzustellen oder zu trans-
portieren war Schwerstarbeit, und das machte es
kostbar. Unsere beschränkte physische Energie
begrenzte auch den Schaden, den wir dem Pla-
neten zufügen konnten. Andererseits blieben die
meisten Menschen dadurch sehr arm.
Billige fossile Energie änderte das alles. Es
wurde leichter, überall Rohstoffe auszubeuten,
sie in Fabriken zu transportieren und die Waren
zu verschicken, egal wohin. Im letzten halben
Jahrhundert hat sich die Weltbevölkerung mehr
als verdoppelt, und zugleich hat sich die Menge
an Material, die durch die Ökonomie fließt, mehr
als verdreifacht – und damit auch die Kreislauf-
Lücke vergrößert, also die Menge jener Stoffe,
die wir nicht wiederverwenden. „Wir kommen
jetzt an die Grenzen“, sagt de Wit.
In eben diesem halben Jahrhundert haben
Umweltschützer immer wieder vor den Gren-
zen des Wachstums gewarnt. Die Verfechter
der Kreislaufwirtschaft denken anders. Sie
propagieren ein ganzes Bündel an Strategien –
einige alt wie reduzieren, wiederverwenden und
re cyceln, und einige neu wie Dinge zu leihen
statt zu besitzen. Zusammen sollen sie die glo-
bale Ökonomie umgestalten, um den Abfall
abzuschaffen.
Ziel der Kreislaufwirtschaft ist nicht, das
Wachstum zu beenden, sondern die Art, wie wir
Dinge tun, wieder in Einklang mit der Natur zu
bringen, sodass die Wirtschaft weiter wachsen
kann. „Wohlstand in einer Welt mit endlichen
Ressourcen“, wie es der ehemalige EU-Umwelt-
kommissar Janez Potočnik einmal formulierte.
Es hieß, die Kreislaufwirtschaft könnte den
europäischen Unternehmen bis zu 630 Milliar-
den Euro an Einsparungen bringen.
Die Idee setzt sich durch, besonders im dicht
bevölkerten, reichen, aber ressourcenarmen
Europa. Die Europäische Union investiert Mil-
liarden in die Strategie. Die Niederlande haben
sich verpflichtet, bis 2050 ganz auf Kreislauf-
wirtschaft umzustellen. Amsterdam, Paris und
London haben Pläne. „Sie muss kommen“, sagt

Tiere fressen Pflanzen, Dung regeneriert den


Boden –, ist die industrielle Ökonomie weitge-


hend linear. In dem Diagramm repräsentierten


dicke farbige Linien die Ströme der vier Arten


von Rohstoffen: Mineralien, Erze, fossile Brenn-


stoffe und Biomasse. Sie verliefen von links nach


rechts steil aufwärts, trennten und verflochten


sich, während sie zu Produkten wurden, die sie-


ben menschliche Bedürfnisse befriedigen. In


einem einzigen Jahr ernteten wir 20,1 Milliarden


Tonnen Biomasse, nur um uns alle zu ernähren.


Fossile Brennstoffe versorgten Fahrzeuge mit


Energie, hielten uns warm, wurden zu Plastik


und zu allen möglichen Produkten. Der gesamte


Stoffstrom, den die Wirtschaft 2015 bewegte,


betrug 92,8 Milliarden Tonnen.


So weit, so gut. Erstaunlich sogar. Doch was

danach passiert, wenn unsere Bedürfnisse befrie-


digt sind, das ist das Problem, genau genommen


die Mutter aller Umweltprobleme. De Wit zeigte


auf den grauen Nebel am rechten Rand des Dia-


gramms. Der graue Nebel, das war der Abfall.


Etwa zwei Drittel der Rohstoffe, die wir 2015

aus dem Planeten gewonnen hätten, seien uns


durch die Finger geronnen. Über 61 Milliarden


Tonnen mühsam gewonnenes Material seien


verloren gegangen, das meiste davon unwieder-


bringlich in alle Richtungen verstreut. Plastik-


müll trieb in die Flüsse und Meere. Auch Nitrate


und Phosphate gelangten von gedüngten Fel-


dern dorthin. Ein Drittel aller Lebensmittel


verrottete, während gleichzeitig der Amazo-


nas für mehr Anbauflächen abgeholzt wurde.


Jedes Umweltproblem habe sehr wahrscheinlich


irgendwie mit Abfall zu tun, der Klimawandel


eingeschlossen: Der ist entstanden, weil wir fos-


sile Brennstoffe nutzen und den Abfall – Kohlen-


dioxid – in die Atmosphäre blasen.


Als de Wit mir an jenem Morgen geduldig die

Zahlen erklärte, fühlte sich das wie eine Erleuch-


tung an. Das ausgeklügelte Diagramm war in


seiner Aussage von beglückender Klarheit: Die


Bedrohungen, vor denen wir stehen, sind viel-


fältig und überwältigend. Sie sind astronomisch


in ihren Ausmaßen. Um auf dieser Erde zurecht-


zukommen, müssen wir nur eines tun: aufhören,


so viel zu verschwenden. De Wit zeigte auf einen


dünnen Pfeil, der am unteren Rand des Dia-


gramms in die Gegenrichtung von rechts nach


links verlief. Er repräsentierte die Stoffmenge,


die wir per Recycling, Kompostieren und so wei-


ter auffangen konnten. 8,4 Milliarden Tonnen,


nur neun Prozent des gesamten Abfalls.


48 NATIONAL GEOGRAPHIC

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