Der Spiegel - 07.03.2020

(Ben Green) #1

Butin:Nein, so kann man das nicht sagen.
Die Fälle, bei denen es um prominente Na-
men oder spektakulär hohe Summen geht,
bilden nur die Spitze des Eisbergs. Die
meisten Werke werden für 3000 bis
10 000 Euro angeboten. Die Fälscher wis-
sen, dass Händler und Käufer da nicht so
genau hinschauen und nachfragen. Einige
Betrüger scannen sogar einfach Bilder aus
Büchern, drucken sie mit einem billigen
Gerät aus, fälschen die Signatur und geben
sie als Druckgrafik des Künstlers aus.
SPIEGEL:Ist der Handel, der auf solch
plumpe Kopien hereinfällt, nicht selbst
schuld?
Butin:Niemand will betrogen werden,
aber es gibt eine Mitverantwortung des
Kunstbetriebs, das würde ich auf jeden
Fall sagen. Das zu verdeutlichen war sogar
meine wichtigste Motivation, das Buch zu
schreiben. Das Geschäft mit der Kunst ist
ein Multimilliardenmarkt, der Druck ist
für alle daran Beteiligten groß. Es ist nicht
leicht, an gute Ware zu gelangen. Häufig
muss alles ganz schnell abgewickelt wer-
den, und Händler oder Versteigerer wollen
nicht riskieren, dass ein Sammler sein
Werk woanders anbietet. Aber manchmal
wären gar nicht viel Zeit und Aufwand
nötig, um eine Fälschung als solche zu
entlarven.
SPIEGEL:Nennen Sie ein Beispiel?
Butin:Gerhard Richter hat 1989 ein Ob-
jekt entworfen, eine Stahlkugel, die er in
mehreren Exemplaren produzieren ließ.
Vor ein paar Jahren wurde eine Kugel in
einer New Yorker Auktion angeboten, an-
geblich war es eine aus dieser Serie. Sie
hätte graviert sein müssen, sie hätte ein
bestimmtes Gewicht und eine bestimmte
Größe haben müssen. Den Sammler, der
sie erwarb, hat sie 35 000 Dollar gekostet.
Leider habe ich sie erst nach diesem Kauf
zur Prüfung zugeschickt bekommen. Die
Gravur fehlte, sie war zu klein und außer-
dem 200 Gramm zu leicht, wie ich mit
einer Küchenwaage feststellen konnte. Of-
fenbar stammte sie aus einem Kugellager,
wie es in der Industrie für Fahrzeuge oder
Maschinen eingesetzt wird, und man muss
kein Kunsthistoriker sein, um das heraus-
zufinden.
SPIEGEL:In Museen, so denkt man, säßen
die findigsten Fachleute. Sie aber schil-
dern, dass sogar Direktoren großer Insti-
tutionen eine fragwürdige Rolle spielen
können.
Butin:In den Akten des Bonner Kunst -
museums fand ich einen Zettel mit einer
Gesprächsnotiz aus dem Jahr 2000. Ver-
fasst hatte sie eine Registrarin, daraus geht
hervor, dass der damalige Direktor von
einem gefälschten Gemälde in seinem
Haus wusste. Auf dem Zettel steht auch:
»Info soll geheim bleiben.«
SPIEGEL:Dieser Museumsleiter hat später
ein solches Wissen bestritten.


Butin:Das stimmt. Doch dieser Vermerk
und weitere Indizien legen etwas anderes
nahe. Das Gemälde gehörte übrigens nicht
dem Museum, sondern einem privaten
Leihgeber. Schon bevor dieser Sammler
das Bild gekauft hatte, war er von dem
Museumsdirektor gebeten worden, ihm
das Werk zur Verfügung zu stellen. Über
die spätere Erkenntnis, dass die abstrakte
Komposition leider doch nicht vom ehe-
maligen Bauhaus-Künstler Josef Albers,
sondern von einem Fälscher stammt, in-
formierte das Museum den Eigentümer al-
lerdings nicht. Erst als dieser das Bild 2010
verkaufen wollte, bekam er – natürlich zu
seiner Überraschung – großen Ärger.
SPIEGEL: Ist das der eigentliche Skandal:
dass der Kunsthandel das Vertrauen seiner
Kunden missbraucht und die Museums -
direktoren das ihrer Mäzene?
Butin:Ich beobachte zumindest eine
Leichtfertigkeit, die nicht akzeptabel ist.

Und eine gewisse Überheblichkeit gerade
bei einigen Fachleuten der alten Schule.
Sie sind es, die lange den Ton angaben und
auf die sich alle verlassen haben. Denken
Sie etwa an Werner Spies, der wirklich der
führende Experte für die Kunst des Sur-
realisten Max Ernst war und auch dessen
Werkverzeichnis herausgab.
SPIEGEL:Trotzdem hat er sieben Fälschun-
gen Beltracchis nicht als solche erkannt,
er hat auf den Rückseiten von Fotos der
Bilder vielmehr vermerkt, er werde sie in
das Werkverzeichnis aufnehmen. Jeder
musste glauben, sie wären ihr Geld wert.
Butin:Weder hat er geprüft, wo die Bilder
tatsächlich herkamen, wer also die Vor -
besitzer waren, noch hat er eine material-
technische Untersuchung für notwendig
gehalten. Es war eben diese Attitüde: Ich
brauche das nicht, ich sehe das schon so.
Auf diese Weise kann man heute nicht
mehr vorgehen.
SPIEGEL:Plädieren Sie dafür, häufiger die
Naturwissenschaftler einzubeziehen?
Butin:Ohne Materialanalysen geht es
nicht. Doch manchmal reicht es schon aus,
mit einer Lupe zu prüfen, ob es sich zum
Beispiel tatsächlich um die druckgrafische
Technik handelt, die behauptet wird. Oder
ob es doch nur ein Offsetdruck ist. So man-
cher renommierte Kunsthistoriker ist aber
nicht in der Lage, die Unterschiede zwi-
schen Radierung und Kupferstich zu er-
kennen. Dann sollte er sich wenigstens
nicht scheuen, Fachleute um Hilfe zu bit-
ten, die das können.
SPIEGEL:2017 wurde eine Christus-Dar-
stellung von Leonardo da Vinci für
450 Millionen Dollar versteigert. Ein Re-
kordpreis, und in gewisser Weise ist auch
da nicht klar, wie echt das Bild ist, ob es
vor allem von Leonardos Schülern gemalt
wurde. Doch viele Superreiche scheren sich
nicht um solche Fragen, sie wollen sich mit
besonders außergewöhnlichen Trophäen
schmücken. Ist das eine gute Entwicklung?
Butin:Die enorme Faszination für bilden-
de Kunst ist grundsätzlich begrüßenswert.
Aber immer mehr Kunstkäufer erwerben
Werke nicht aus reiner Begeisterung, sie
kümmert weder die ästhetische Qualität
noch die kunsthistorische Bedeutung. Viel-
leicht fallen solche Leute, die nur die Geld-
anlage oder nur das gesellschaftliche Pres-
tige suchen, auch leichter auf Fälschungen
herein als jene Sammler, die sich ernsthaft
mit der Kunst auseinandersetzen.
SPIEGEL:Also leidet die Kunst unter ih-
rem Erfolg?
Butin:Der fordert ganz sicher Kriminelle
heraus, sie sehen die Nachfrage, die Preise,
sie wollen den Markt bedienen – und
selbst mitverdienen. Wir sollten aufhören,
es ihnen so leicht zu machen.
SPIEGEL:Herr Butin, wir danken Ihnen
für dieses Gespräch.

124 DER SPIEGEL Nr. 11 / 7. 3. 2020

ABTEILUNG KUNSTTECHNOLOGIE UND RESTAURIERUNG

Fälschlich Claude Monet,
Frans Hals zugeschriebene Gemälde
»Da war ein Meister am Werk«

»Mancher Kunsthistoriker
erkennt nicht die Unter-
schiede zwischen Radie-
rung und Kupferstich.«
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