Der Spiegel - 07.03.2020

(Ben Green) #1

A


n der Gartenpforte, schwanz -
wedelnd, der Hund Max, neben
ihm David Safier. Drinnen, im Ein -
familienhaus im Bremer Stadtteil
Schwachhausen, bietet Safiers Frau
Marion Käsekuchen an. Auch der Sohn
Ben ist gekommen, er hat zusammen
mit seinem Vater das Drehbuch für
»Berlin, Berlin« geschrieben – für den
Kinofilm zur ARD-Vorabendserie, die
David Safier knapp 20 Jahre zuvor
erfunden hatte.
»Ich hab gedacht, lass ich doch mal
das Kind arbeiten«, scherzt der Vater;
der Sohn nimmt’s hin und gibt zurück:
»Die meisten Gags, die ich von Papa
lese, sehe oder höre, kenn ich schon von
zu Hause.« Man habe einen ähnlichen
Humor, so Ben Safier, der für Radio
Bremen arbeitet.
Namentlich bekannt geworden sind
David Safier und sein Humor Mitte der
Nullerjahre. Eine Nachfolgeserie von
»Berlin, Berlin« war gefloppt. Safier
schrieb seinen ersten Roman und merk-
te: »Eine Seite kostet immer gleich
viel«, egal ob sie auf einer Raumstation
spielt oder in einem Ameisenhaufen;
keine Budgetsorgen müssen die Krea-
tivität einschränken. »Mieses Karma«
wurde 2007 zum SPIEGEL-Bestseller,
als Taschenbuch schaffte es der Debü-
tant sogar auf Platz eins.
Mit seinem Cover, einer gezeichne-
ten Ameise vor gelbem Hintergrund, ist
das Muster schon festgelegt, durch das
man bis heute Safiers humoristische
Romane auf den Bücherstapeln selbst
im Vorbeigehen bemerkt.
Weitere Bestseller wie »Jesus liebt
mich«, »Plötzlich Shakespeare«, »Hap-
py Family« oder »Muh«: David Safier
nennt sie »die gelben Bücher« – zur
Abgrenzung von ernsten Stoffen wie
dem Roman »28 Tage lang«, der im
Warschauer Getto spielt.
»Berlin, Berlin« ins Kino zu bringen
war schon länger geplant, doch zum Se-
rienende wollte sich die Hauptdarstel-


Bücher

16 SPIEGEL BESTSELLER / FRÜHJAHR 2020


Zum Glück gibt’s Eis


HumorEine Steinzeitfrau erwacht in der Gegenwart: Davon erzählt David Safier in
»Aufgetaut« – und bringt zudem seine Serie »Berlin, Berlin« ins Kino.

lerin Felicitas Woll emanzipieren von
ihrer Figur Lolle Holzmann, dem Mäd-
chen aus der holsteinischen Provinz,
das in Berlin Comiczeichnerin werden
und ihr Liebesglück finden will. Woll
spielte im ZDF-Film »Dresden« mit, be-
kam den Bayerischen Fernsehpreis für
»Die Ungehorsame«.
Eines Abends aber rief der Produ-
zent bei David Safier an: Er habe mit
Woll gesprochen, die habe »jetzt total
Lust dazu«.
Da neben Felicitas Woll auch andere
Schauspieler ihre Rollen, die sie zwi-

schen 2002 und 2005 gespielt hatten,
wieder aufnahmen, habe die Arbeit
an dem Kinofilm »Klassentreffen -
charakter« gehabt, nach dem Motto:
»Das machen wir noch mal, wenn
ihr alle 60, 70 seid.« Als Autor freute
Safier besonders, wenn die Schauspie-
ler Lust hatten, mit dem Älterwerden
selbstironisch zu spielen. Da kommt
dann Serien-Beau Sven (Jan Sosniok)
mitten in einer Verfolgungsjagd ins
Humpeln, weil das Knie nicht mehr
mitspielt.

Schön ist auch die Idee, dass die
Comicliebhaberin Lolle inzwischen
zusammen mit ihrem alten Kumpel
Hart ein Animationsstudio besitzt und
vom großen Hollywooddeal träumt.
Schade hingegen, dass es relativ wenige
von den Trickfilmsequenzen gibt, die
in den Serienfolgen Lolles Gefühlswelt
illustrierten. Sie waren ein wichtiger Be-
standteil davon, dass »Berlin, Berlin«
seinerzeit als so innovativ galt, dass die
Serie mit etlichen Preisen bedacht wur-
de, darunter dem International Emmy.
Die Trophäen stehen in Safiers Ar-
beitszimmer im ersten Stock, wo auch
großformatige Comicdrucke ausliegen
und in einem der Mondrakete aus »Tim
und Struppi« nachgebildeten Regal et-
liche Comichefte stehen. Daher kann
nicht überraschen, dass David Safier
auch über eine Geschichte für eine Gra-
phic Novel nachdenkt. Grundsätzlich
habe er »Geschichten, die ich erzählen
will. Und dann frage ich mich: Eignet
die sich für ein Buch oder für einen
Film? Oder für ganz was anderes?«
Safier wolle mit seinem Humor et-
was erreichen, sagt er. »Ich bemühe
mich häufig darum, den Leuten das
positive Potenzial des Menschen zu
zeigen.« Man müsse nicht zwingend
verstören, immer noch einen draufset-
zen. Er wolle Geschichten erzählen, bei
denen es gesellschaftlich um was geht,
die aber dennoch Herz haben. Humor
könne die Schärfe der Auseinander -
setzung lindern.
Safiers neues »gelbes Buch« heißt
»Aufgetaut« und handelt von der Frage
nach dem Glück. Er habe darüber beim
Spazierengehen nachgedacht, erzählt
Safier, und dabei sei ihm die Zeichen-
trickserie »Herr Rossi sucht das Glück«
in den Sinn gekommen: »Zu Hause
guckt man sich alte Folgen auf YouTube
an, und in einer reist Herr Rossi durch
die Zeit. Dann sieht man im Fernsehen,
dass das Arktiseis schmilzt. Und so
kam ich auf die Eisfrau, dass die eine

»Sagen wir
mal so: Ich lerne
auch was beim
Bücherschreiben.«

David Safier:Aufgetaut.
Kindler; 336 Seiten; 16 Euro.
Free download pdf