Neue Zürcher Zeitung - 18.02.2020

(Darren Dugan) #1

Dienstag, 18. Februar 2020 FEUILLETON 35


Überall ist Seufzen und Schönheit

Der begnadete Schauspieler und Essayist Hanns Zischler ist auch ein virtuoser Illusionskünstler


PAUL JANDL


So übernatürlich schön ist nur die
Natur. Wenn der Morphofalter über
den Wäldern Kolumbiens schwebt,
dann ist das Azur seiner grossen Flü-
gel vor dem Blau des Himmels kaum
zu sehen. Nur als leichtes Schillern.Das
Morphofalterweibchen hat neben sei-
ner Schönheit noch einen Standort-
vorteil. Es fliegt höher als das Männ-
chen und ist für die Häscher mit ihrem
Schmetterlingskescher nur schwer zu
erreichen.
Woher man das wissen kann? Ent-
weder man istFachmann, oder man
liest Hanns Zischlers neuenRoman,


«Der zerrissene Brief».Die Stelle im
Roman führt genau das vor, was sie be-
schreibt. Am Ende weiss man gar nicht,
was man da gesehen hat. Alles in die-
sem Buch ist irgendwie himmelblau,
schillernd und exotisch.Wie nichtvon
dieserWelt.Dabeikommt imRoman
auch ziemlich vielWelt vor.
Pauline, noch deutlich im19. Ja hr-
hundert geboren, nimmt nach dem
Krieg Kinder bei sich auf. «Kummer-
kinder». Siesollen sich erholen von der
Not und vom zerbombten Deutsch-
land. In den sechzigerJahrenkehrt
eines dieser Kinder ins Hausvon Pau-
line zurück. Ein Besuch der Biologie-
studentin bei der altenDame. Kuchen,
Kekse, Tee undWein. Und so viel Er-
innerung, dass ein ganzerTag vergeht,
an dem alte Alben hervorgekramt und
ganze Bündel von Briefen durchgeblät-
tert werden.
Die Studentin Elsa muss das trau-
rige Ende der Affäre mit einem Mine-


ralogen verarbeiten, und über diesem
Umstand versinktPauline ganz in Er-
innerungen an Max, ihren Mann, der
schon lange tot ist.Max war ein Mann,
wie er im Buche steht. Nur vielleicht
nicht gerade in einem Buch von heute.
Er war einForscher, Abenteurer und
Weltreisender. Mit seiner Kamera,
einem frühen Kinematografen, war
Max nicht nur bei den Anfängen des
Films dabei, sondern auch auf der
Kamtschatka, am Ural und in Britisch-
Kolumbien.

Lustvolles Spielmit Klischees

DerPelzhändlerssohn sammelt Idole
und Masken und lernt auf der Flucht
vor seiner englischen Mutter auf einem

Jahrmarkt im deutschenTr euchtlingen
Paulinekennen. Erraubt ihr die Un-
schuld gleich doppelt. Mit ihm wird sie
dieWelt anders sehen. Als einen ein-
zigen grossenKontinent des Unent-
deckten. Ethnologie und Botanik, ur-
alte Magieund die gelinden Schwin-
deleien des leise grössenwahnsinnigen
Max halten sie in Atem.
Einskommt im «Zerrissenen Brief»
immer noch zum anderen. DieKwaki-
utl- und Bella-Coola-Masken zu einer
Sammlung neotropischer Schmetter-
linge, die Affäre mit der Schauspielerin
Asta Nielsen zur Beziehung mitPau-
line.Pauline macht unterdessen, was
Max ihr sagt. Sie geht für zweiJahre
nach NewYork und später mit ihm
nach Schweden.Dazwischen wird die

Welt bereist. Später tippt sie dieReise-
berichte ab.
AmWeltbild solcher Comic-haf-
ten Klischeeskönnte man sich stören,
wenn da nicht doch auch derVerdacht
wäre,dass derRoman ausschliesslich
und ganz absichtlichausKlischees ge-
macht ist.Aus dem Stoff bürgerlicher
Abenteuer und den heroischenVer-
suchen, derLangeweile zu entkom-
men.Langweilen sollman sich nicht,
und so schreibt Hanns Zischler drauf-
los, als gäbe es in diesen sechzigerJah-
ren wederein Heute noch ein Morgen.
Der Krieg, der die Lebenszeit der
Figuren massgeblich bestimmt haben
muss, kommt überhaupt nicht vor. Ein
leiser Hauch vonWahrhaftigkeit ent-
steht allenfalls, wenn Maxens Mut-

ter auf den Plan tritt, denn sie ist eine
Furie schwiegermütterlicher Eifer-
sucht.Dass Pauline angenehm ambiva-
lente Gefühle für ihreFreundin Marie
hat, ist ein Streifschuss ins bürgerliche
Bouquet. Mehr aber nicht.
Dem deutschen Schauspieler Hanns
Zischler, der unter anderem mit dem
RegisseurWim Wenders gearbeitet hat,
ist die Schauspielerei nicht genug. Aus
gutem Grund. Er hatsich auch noch
alsVerleger, Zeitschriftenherausgeber,
Kafka-Kenner, Essayist und Schrift-
steller bewiesen. Er ist ein sensibler
Kulissenschieber des Kulturbetriebs,
und was er in dieser Hinsicht kann,
zeigt auch sein neuerRoman. Bis an
die Schmerzgrenze.

Alles fliesst

Als klugerKopf trägt Zischler ganze
Zettelkästen mitbeeindruckend absur-
demWissen zusammen, während der
gelernte Schauspieler für eineVertie-
fung imRaum sorgt. Es darf gerne viel
Plüsch sein. Die Dielen knarren, «mit
zitterndem Nachhall schlägt die Stutz-
uhr». Wennauch das bildungsbürger-
liche Ambiente à la19. Jahrhundert
nicht mehr genug hergibt, dann gehtes
mitMetaphern weiter. Dann kringelt
sich der Zigarettenrauch um den «stei-
nernen Aschenbecher des Mondes»,
und das manchmal etwas schlaff wir-
kendeRomanpersonal liegt nicht nur
auf der Chaiselongue, sondern auch
«am Flutsaum der Müdigkeit».
Setzt «die Eisschmelze der Erinne-
rung» ein, dann ist derRoman ganz
in seinem fluiden Element. Es stauen
sichReminiszenzen, in denen schrul-
ligeVerehrer undForscher exquisites-
ter Spezialgebiete vorkommen. Über-
all ist Seufzen und Schönheit. Über
die Schönheit heisst es einmal imRo-
man, dass sie vor allem eines sei: Über-
schuss. Und diesen Überschuss produ-
ziert Hanns Zischler Seite für Seite. Als
Sammler von schillernden Schmetter-
lingen, magischen Masken und luxu-
riösen Biografien.Warum?Vermut-
lich, weil er es kann.

Hanns Zischler: Der zerris sene Brief. Roman.
Galiani-Verlag, Berlin 2020. 272 S., Fr. 29.90.

Ein schöneres Azurblau kann mansich gar nicht denken: der Flügel eines Morphofalters. TAMBAKO THE JAGUAR

Droht in der Orthodoxie ein Schisma?


Nach der Verselbständigung der uk rainischen Kirche haben sich die Konfliktlinien weiter verhärtet


JUDITH LEISTER


Vor etwas über einemJahr, am 6.Januar
20 19, löste sich einTeil der orthodo-
xen Kirche der Ukraine aus dem post-
sowjetischenKosmos. Bei einem Got-
tesdienst in der Kathedrale desÖku-
menischen Patriarchats in Istanbul
nahm Metropolit Epiphani, das Ober-
haupt der neuen Orthodoxen Kirche
der Ukraine (OKU), den«Tomos», die
Urkunde der kirchlichen Eigenständig-
keit, vonPatriarch Bartholomaiosvon
Konstantinopelentgegen. DerPatri-
arch vonKonstantinopel gilt in der
Orthodoxie mit weltweit 300 Millio-
nen Gläubigen als Primus interPares.
Er besitzt traditionell dasRecht, die
Eigenständigkeit zu verleihen.Vor der
Übergabe des«Tomos» war die ukrai-
nische Orthodoxie formal dem Mos-
kauerPatriarchat,der mitgliederstärks-
ten orthodoxen Kirche, unterstellt.
Doch was vonKonstantinopel als
Schrittzur Integration zweier nicht-
kanonischer orthodoxer Kirchen in
der Ukraine mit Millionen Gläubigen
gedacht war, läuft Gefahr, zu einem
Schisma in der Orthodoxie zu führen.
AufseitendesMoskauerPatriarchats,
das sich seit über dreihundertJahren
als Mutterkirche auch der ukrainischen
Orthodoxen versteht, wardieEmpö-
rung über die Zuerkennung der Eigen-
ständigkeit gross. Deshalb hat Moskau
im Herbst 20 19 einseitig die Eucharis-
tie- und Gebetsgemeinschaft mitKon-


stantinopel – sowieallen Glaubens-
brüdern, die die ukrainische Abspal-
tung anerkennen – abgebrochen. Als
weitereKomplikationkommt hinzu,
dass panorthodox ein allgemein an-
erkanntesRechtssystem und entspre-
chende Organe zurRechtsanwendung
fehlen. Nun befürchtet man einAusein-
anderfallen der Kirche in zweiLager–
proKonstantinopel und pro Moskau.

UnausweichlicheReaktion

Zugespitzt hatte sich der kirchliche
Konflikt spätestens mit der Annexion
der Krim und dem Beginn der Kämpfe
in der Ostukraine.Bei einer Münch-
ner Gemeinschaftstagung der Katho-
lischen Akademie und der Evange-
lischen AkademieTutzing zum mög-
lichen Schisma berichtete Georgi
Kowalenko, der Rektor der Offe-
nen Orthodoxen Universität inKiew:
«20 14 wurde offensichtlich, dass das
MoskauerPatriarchat in der Ukraine
nicht nurTeil des ‹hybriden Kriegs›
vonRussland gegen die Ukraine war,
sondern sich selbst in Richtung des
religiösenFundamentalismus, der Ab-
schottung und des Anti-Ökumenismus
bewegte.» Schon aus diesem Grund sei
die Gründung einer ukrainischen Kir-
che unausweichlich gewesen.InKowa-
lenkos eigener Gemeinde vollzog sich
derWandel folgendermassen: Nach
einer Abstimmung trat diese teilweise
zur Orthodoxen Kirche der Ukraine

(OKU) über und bezog ein neues Got-
teshaus, während ein andererTeil mit
eigenem Priester in der Ukrainischen
Orthodoxen Kirche (UOK), der Kirche
des MoskauerPatriarchats, verblieb.
Die Eigenständigkeit der orthodo-
xen Kirche in der Ukraine wird seit der
Unabhängigkeit1991 von führenden
Politikern desLandes gefordert. Be-
sonders engagierte sich der um seine
Wiederwahl bangende und inzwischen
abgewählte ukrainische PräsidentPe-
troPoroschenko. Erreiste 2018 zuBar-
tholomaios, um die Eigenständigkeit
zu erbitten. Kritiker halten ihm und
anderen Politikern bis heute vor, dass
sie vor den letztenWahlen, also zwi-
schenJanuar und März 20 19, «Gläu-
bige» in Bussen zu orthodoxen Kirchen
auf demLand karren liessen, die dort
«basisdemokratisch» über einen Über-
tritt der Gemeinden zur neuen Ortho-
doxen Kirche der Ukraine (OKU) ab-
stimmten – wobei sie durch ihre schiere
Zahl die tatsächlichen Gemeindemit-
glieder oft überstimmenkonnten.
Diese Kritik teilt auch Sergi Bortnik
von der KiewerTheologischen Aka-
demie,der sich weiterhin als Mitglied
der Kirche des MoskauerPatriarchats
(UOK) sieht. Bortnik betont, dasser
weder denPatriarchen vonKonstanti-
nopel kritisierenoch die neue Kirche
(OKU), sondern den «ethnischen Zen-
trismus» mancherPolitiker. Diese wür-
den die neue Kirche zur Bildung eines
ukrainischen Nationalstaats missbrau-

chen und die russische Sprache unter-
drücken.Er sieht seine Kirche, der
unterPoroschenkoper Gesetz der Zu-
satz «MoskauerPatriarchat» auferlegt
werdensollte,zum blossen«Verein»
herabgewürdigt.«Viele Ukrainer hät-
ten ja gern eine ukrainische Kirche ge-
habt, wenn sie denn kanonisch gewesen
wäre», sagt Bortnik.Dadas Moskauer
Patriarchat dies jedoch ablehne, seien
viele in der alten Kirche verblieben.

Verpuffte Sogwirkung

Johannes Oeldemann, Direktor des
katholischen Johann-Adam-Möhler-
Instituts für Ökumenik und Experte
für Ostkirchen, wies auf einen poli-
tischen Aspekt, nämlich denWandel
im modernenVerständnis der Eigen-
ständigkeit, hin:«Während früher das
Territorialprinzip galt, sind seit rund
zweihundertJahren andere Kriterien
ausschlaggebend. Viele moderne Ab-
spaltungen sind im Zuge der National-
bewegungen des19. Jahrhunderts ent-
standen, als sich etwa Griechen, Bul-
garen, Serben aus dem Machtbereich
des OsmanischenReiches lösten.»Da-
her werde die Eigenständigkeit heute
meist entlang der Grenzen staatlicher
Souveränität definiert. «Daher fand
man auch in der Ukraine, dass ein sou-
veräner Staat eine souveräneKirche
brauche», so Oeldemann.
Die innerorthodoxen Gräben in der
Ukraine verlaufen entlang der alten

territorialen Bruchlinien des Lan-
des. Am stärksten ist die neue Kirche
(OKU) in derWestukraine, dem ur-
sprünglich polnischen und später ös-
terreichisch-ungarischen Galizien. In
der Zentral- und Ostukraine, dem ur-
orthodoxen Gebiet der KiewerRus,
dominiert hingegen die Kirche des
Moskauer Patriarchats (UOK). Die
Ost-West-Spaltung spiegelt sich auch
auf geopolitischer Ebene wider:Wäh-
rend der Kreml essenzielles Interesse
am Machterhalt des MoskauerPatri-
archats in der Ukraine hat, haben die
USA sich für dieVerleihung der Eigen-
ständigkeit andie Orthodoxe Kirche
der Ukraine eingesetzt.
Die Sogwirkung, die sich dasPatri-
archat von Konstantinopel von der
ukrainischen Eigenständigkeit verspro-
chen hatte, ist allerdings ausgeblieben.
Nach anfänglicher Übertrittseuphorie
hat sich das Nebeneinander der Kir-
chenverfestigt. 12 338 Gemeinden des
MoskauerPatriarchats (UOK) stehen
heute 4500 Gemeinden der neuen Kir-
che (OKU) gegenüber. Die Stagnation
ist auch auf die Blockadehaltung des
inzwischen 91-jährigen Ehrenpatriar-
chen und Bischof von Kiew, Filaret
Denyssenko, zurückzuführen, der über
Jahrzehnte als starker Mann der ukrai-
nischen Orthodoxie galt. Ursprünglich
ein Mitbegründer der OKU, istFila-
ret inzwischen miteinigen Getreuen
schon wiederaus der neuenKirche
ausgeschert.

Alles in diesem Buch
ist irgendwie
himmelblau, schillernd
und exotisch.
Wie nicht
von dieserWelt.
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