Berliner Zeitung - 18.03.2020

(Axel Boer) #1
Berliner Zeitung·Nummer 66·Mittwoch, 18. März 2020–Seite 17
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F e uilleton


„DasEreignisfernsehenwarschonmalweiter.“


FrankJunghänelüberdenARD-Dreiteiler:„UnserewunderbarenJahre“ Seite 18


ZeitfürZusammenhalt


DerBerlinerSoziologeHeinzBudeüberdieSignaleeinerscheuenSolidaritätunddieneoliberaleHybris


H

einz Bude ist gerade
unterwegs,als wir ihn
um einGespräch zur
Corona-Krise bitten.
Wäreesv or ein paarTagen aus
journalistischer Sicht noch ver-
pöntgewesen,soistesnuneinge-
botenesMittel, einInterview per
E-Mailzuführen.DasAbstandsge-
bot jedenfalls ist eingehalten.Der
geschärfte Blick des Soziologen
auf die soziale Extremsituation
aberistgewährleistet.HeinzBude
ist gefragt in diesenTagen. Sein
erst voreinem Jahr erschienenes
Buch über „Solidarität“, das auch
eine Auseinandersetzung mitver-
schiedenen historischenSolidari-
tätskonzepten enthält, erweist
sich nun als wichtiger zweiter
Blick auf ein Gemeinschaftsge-
fühl, das nun in derCorona-Krise
dringendbenötigtwird.

Herr Bude, derUntertitel zu Ihrem
2019 erschienenenBuch „Solidari-
tät“ verhieß die „Zukunft einer gro-
ßen Idee“. Es war derVersuch, ein
als etwas verstaubt angesehenes
gesellschaftlichesIdeal neu zu mo-
bilisieren. Schlägt nun die große
Stunde der Solidarität?Welche For-
men desGemeinsinns sind nun ge-
fragt?
DeritalienischeFallzeigt,wiedie
Straße,indermanlebt,zumOrtdes
Gemeinsinns wird. Mankauft für
Nachbarnein,tauschtMailadressen
mit Leuten aus,die man sonst nur
gegrüßthat,undwinktsichimMor-
genmantelvonBalkonzuBalkonzu
zumZeichen,dassallesnochinOrd-
nung ist.Undjeder achtet darauf,
dass trotzdem einKontaktabstand
zumSchutzallergewahrtbleibt.Das
ist zumindest dasBild vonder Lin-
denstraße,das ich mir für unser
Landheutewünsche.

In denGesellschaftsbeschreibungen
verschiedener soziologischer Schulen
war nicht seltenvonneoliberalen
Verhältnissen dieRede, in denen das
in erbitterte Selbstbehauptungs-
kämpfeverstrickteIchdie anderen
nur alsKonkurrenten wahrzuneh-
men in derLage war.Erweist sich das
nun alsTrugschluss?
Sagenwiresso.Imneoliberalen
WeltbildistSolidaritätetwasfürdie
anderen,dienichtfürsichselbersor-
genkönnenunddenenesanden
Kompetenzen für eine autonome
Lebensführungmangelt.Heutebe-
dürfenwirallederSolidarität.Weil
auchdieStärkstenundSchlausten
sichnichtalleinrettenkönnen.Das
Coronavirusstelltunsaufbesonders
intensiveWeiseunsereVerwundbar-
keit an Leib undSeele und unsere
Angewiesenheit auf anderevor Au-
gen. Damit hat sich die neoliberale
Hybriserledigt.

DenKampf um die letztePackung
Klopapier imSupermarkt wurde in
den vergangenen Tagen immer
wieder alsAusdruck einesrabia-
ten, sehr einfach gestricktenEgois-
mus gewertet.Aber sprechen die
Versuche, das normale Leben auf-
rechtzuerhalten, derzeit nicht eine
ganz andereSprache?
Natürlich istPanik ansteckender
Egoismus,weil man wild wirdvor
Angst.Abersopanischsindwirmei-
ner Wahrnehmung nach gar nicht.
EsherrschteherdieAtmosphäreei-
nerscheuenSolidarität,dieRespekt
mit Sorgeverbindet.DieLeute pas-
sen aufeinander auf, das Schild
„Bitte Abstand halten“ bekommt
nuneineganzneueBedeutung.

Politiker stehen noch mehr als sonst
unter besondererBeobachtung, und
nicht wenige werfen ihnen schlechtes
Krisenmanagementvor? Schlagen sie
sich wirklich so schlecht?
Im Augenblick ist dieBeglaubi-
gungkollektiverHandlungsfähigkeit
dasWichtigste.Man kann etwas ge-
gen dieAusbreitung desVirustun,
obwohl dasVirusnicht aus derWelt
geschafftwerden kann.In diesem
Zusamm enhang verbietet sich die
ironischeOhnmachtsgeste genauso
wiedertragischeMobilisierungsauf-
ruf. Dasbeherzigt das politische
Führungspersonal meiner Ansicht
nachgeradeganzgut.Wasübrigens
dazuführt,dassdieÜbelgelauntheit
der AfD genausowenig zumZuge
kommtwiediemanchmaletwasan-
strengende Hochbestrebtheit der
Grünen.

DieCoron a-Krise ist zweifellos eine
Ausnahmesituation, undSiesindals
Soziologe nicht nur ein kühlerBe-
obachter.Was hat sie positiv über-
rascht?Wasenttäuscht?
Ziemlich anrührend sind für
michdievielenkleinenZeichendes
Trostes,diedieLeutesichunterein-
andergeben.NichtimSinneeines
blindenOptimismus,sonderneiner
stillenAufmerksamkeitfüreinander.
Geärgerthatmichdieherablassende
BesserwissereivonLeuten,diePanik
gegen die Panik verbreiten. Die
AngsthatvieleGesichter.

Werdenwirnacheinerhoffentlich
überstandenenPandemiewiederzur
Tagesordnungübergehenoderwird
essoetwaswieeinensozialenLernef-
fektgeben?
Wirerleben gerade den
SchlussstrichuntereinerPeriode,
in derder starke Einzelne ge-
rühmt, derStaat belächelt und an
dievernetzteWeltgeglaubtwurde.
DieBewusstseineinerrelativklas-
senindifferenten Vulnerabilität,
alsoVerletzlichkeit, belebt dieSu-
chenach neuenFormen der Soli-
darität, die Anerkenntnis der
Staatsbedürftigkeit der Gesell-
schaft ernüchtertden fröhlichen
Geist zivilgesellschaftlicher
Selbstorganisation, und dieEin-
sichtindiedunklenSeitender Ver-
netzung stärkt den Bedarf nach
den kleinen Lebenskreisen, in de-
nen man sichwechselseitig hilft
undaufeinanderachtet.

Wasbedeuten dieAuswirkungen der
Corona-Krise inBezugauf die sozia-
len Kämpfe um nationaleEgoismen
und die überall zu beobachtenden
Tendenze nzur Renationalisierung?
DasPendelwirdvonde rSeiteder
Freiheit zur Seite des Schutzes
schwingen.Mansieht in Deutsc h-
landdieindividuellenFreiheitenim
Prinzip als gesichertan, aber man
sorgtsichumdieFormendeskollek-
tiven Schutzes.Der Sozialstaat, das
Gesundheitssystem, die landschaft-
lichenReservateundregionalenLe-
bensweisen−das sind dieT hemen,
die die Post-Corona-Politik bestim-
menwerden.DahintereineTendenz
zurRenationalisierungzuvermuten,
gingeanderSachevorbei.DieMen-
schen lieben ihreFreiheiten, aber
der Staat soll für den dazu nötigen
Schutzsorgen.Damitsindzuerstder
spanische,derfinnische,derschwe-
discheundderdeutscheStaatange-
sprochen.Auchwenndie Prinzipien
universell, dieVernetzungen global
unddie Gefahrenplanetar ischsind.

DasGespräch führteHarryNutt.

Auch die Schlausten und Stärksten können sich allein nicht retten. MANGO /STOCK.ADOBE.COM

SOZIOLOGIE DER SOLIDARITÄT

Heinz Budeist Professor für Makrosoziologie an der Universität Kassel. Er istAutor zahlreicher
Bücher,darunter wichtigeArbeiten über die Flakhelfer-Generation („Deutsche Karrieren“) und
die Generation der 68er („Das Alterneiner Generation“), beide im Suhrkamp-Verlag.

AktuelleVeröffentlichungen:„Solidarität. Die Zukunft einergroßen Idee.“, Hanser,176 S.,
19 Euro und: „Adorno für Ruinenkinder.Eine Geschichtevon1968“, Hanser,128 S.,17Euro

NACHRICHTEN


Oberammergau und
Bayreuth wollen stattfinden

DieBayreutherFestspielesollen
trotzdesCoronavirusstattfinden.
„WirsindvollerOptimismus,dass
sichdie Situationbessert“,teiltedas
Pressebüromit.EineAbsagewäre
ein„Supergau“.DerOnline-Sofort-
kaufder TicketswerdeabervonEnde
MärzaufEndeMaiverschoben.Die
Festspielebeginnenüblicherweise
am25. Juli,dieszenischenProbenim
Mai,dietechnischenProbenkurz
zuvor .AuchfürdieOberammer-
gauerPassionsspielebleibtesvorerst
beidergeplantenPremieream1 6.
Mai.Laut PassionssprecherFrederik
MayetgibtesbisherwenigeStornie-
rungen. 95 ProzentderTicketssind
verkauft.DiePassionsspielefinden
nurallezehnJahrestatt.Einehalbe
MillionBesucherwerdenerwartet.
Rund 30 Millionenspielendierund
100 AufführungenfürHotelsund
Gaststättenein. (dpa)

DiePassionsspiele Oberammergau gehen
auf einPest-Gelübde zurück. XXXXXX

Bildermuseum in Leipzig:
Noch ist unklar,wer Chef wird

Nochistunklar,werneue Direktorin
oderDirektordes Museumsderbil-
dendenKünste(MdbK)inLeipzig
wird.EshabeAuswahlgesprächege-
geben,jedochseinochkeineEnt-
scheidunggetroffenworden,teilte
einSprecherder Stadtmit. Ab1.April
solldaherdiestellvertretendeDirek-
torin JeannetteStoschekdenPosten
derInterimspräsidentinüberneh-
men.ImJuni2019hattedieStadt
mitgeteilt,dassAlfredWeidingerden
Posten desDirektorsvorzeitigauf-
gibt.Der58-JährigewillabAprildas
LandesmuseuminLinzleiten. (dpa)

Bundesweit zahlreiche
Kinos ab sofortgeschlossen

ImmermehrKinosin Deutschland
bleibenwegenderaktuellenSitua-
tiongeschlossen.Soteiltenmehrere
Kettenmit,dassalleihreKinosvon
dersofortigenSchließungbetroffen
sind.WielangedieneueRegelungin
Kraftbleibensoll,istnichteinheitlich
geregelt.EinigeStädtekündigten
demnachan,dassdieKinosbis Mitte
Aprilgesch lossenbleiben −ina nde-
renistsogardieRedevonSchließun-
genbis MitteJuni. (dpa)

Kurzfilmtage sollen als
Online-Variante stattfinden

Wegender Coronakrisekönnendie
KurzfilmtageOberhausenMitteMai
nichtwiegeplantdurchgeführtwer-
den.StattdessensollenTeiledes Fes-
tivalsonlinestattfinden,teiltendie
VeranstalteramDienstaginOber-
hausenmit.Geplantwarenvom13.
bis18. Mai112Vorführungenund
Veranstaltungenmitüber500Fil-
menausknapp70Ländern.Erwartet
wurden rund1000 Besucher. (dpa)

Himbeeren


für „Cats“


W


enn man sich denTrailer von
„Cats“ ansieht, könnte man
denken, dass man in einem großen
Furry-Rollenspiel gelandet ist, auch
wennmanjemandenwieJudiDench
in einem solchenZusammenhang
nicht vermuten würde.Fur heißt
Pelz und Furryist der Name einer
Subkultur.Einigederer,dieihrange-
hören, verstehen sich alsTier und
hüllen sich in entsprechendeKos-
tüme.
ObauchCharlesFosterein Furry
ist? Er lebte eineZeitlang alsDachs,
MauersegleroderStadtfuchs,wühlte
in Mülltonnen, kroch auf allenVie-
rendurchdenWaldoderschnappte
nachFliegen.Mitalldemhatderauf
dem gleichnamigenErfolgsmusical
vonAndrew LloydWebber basie-
rendeFilmreingarnichtszutun.Zu-
demsinddiePelzedigital.
Er folgt einer anderenTradition,
nachderTierenmenschlicheEigen-
schaften zugesprochen werden.
Welche echteKatzewürde imErnst
einLiedwie„Memories“singen.Kat-
zengejammer klingt ganz anders
undhat vermutlichauchkeinensen-
timentalenGrund.
DerFilmfloppteindenKinosund
beidenKritikern,dieihnalsleerund
kalt beschrieben, und nun hat man
ihm auch noch den Schmähpreis
„GoldeneHimbeere“ in sechsKate-
gorien verliehen.Vor40J ahren riefen
zwei VeteranenderFilmindustriedie
Auszeichnung ins Leben–als ironi-
sches Gegenstück zurOscar-Verlei-
hung.Wo aber steckt dieIronie,wo
die Pointe bei dieserWahl, wenn
man spätestens nach denNominie-
rungenweiß,wenest reffenwird?
Vielleicht ist es an derZeit, die
„Razzies“zubewerten,sowieesbei
denOscarsschongeschehenist,die
als zu weiß, zu männlich kritisiert
wurden.Dashat diesesJahr zu ei-
nem Überraschungssieger geführt:
„Parasite“vondem koreanischen
RegisseurBongJoon-ho.
DemLeserunverständlichdürfte
es sein, dass ausgerechnet so eine
delikateBeerewie die Himbeereals
Symbol für diesen herabsetzenden
Preisdient.EineschnelleRecherche
ergab: RaspberryTartbedeutet in
dem Londoner Dialekt Cockney
Furz.Später wurde das „raspberry“
in die gehobeneSprache integriert,
alsAusweichwortfürFurz.„Blowing
araspberry“ bedeutet auch: jeman-
dem die Zunge herausstrecken.
Diese Erklärung en bedeutet aber
immer noch eine unverdienteHer-
absetzung dieser köstlichen und so
empfindlichen Frucht. Umbenen-
nensolltemandieRazziesalsoauch.


Schmähpreis


SusanneLenz
weiß,warumdiedelikate
Beereherhaltenmuss

Judi Dench als dieweise Katze Alte Deu-
teronomium UNIVERSAL PICTURES

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