Süddeutsche Zeitung - 21.03.2020

(C. Jardin) #1
Margit Auer:
Es geht Ihnen eigent-
lich nicht um die Ohr-
ringe, sondern um die
Rolle, die Ihr Sohn zu
spielen hat, richtig?
Tatsächlich ist es im-
mer leichter, mit der
Masse zu schwimmen, als neue Wege
einzuschlagen. Ich kenne eine Schule,
da kommt ein Junge regelmäßig im
Kleid zum Unterricht. Für Eltern und
Lehrer war das ein riesiges Problem,
sie hatten Angst, dass sich die anderen
über den Jungen lustig machen. Das
war aber überhaupt nicht der Fall!
Glück gehabt, ich fürchte, es geht
nicht immer und überall so gut aus.
Trotzdem ist das genau der Weg, den
wir als Gesellschaft gehen sollten: Indi-
vidualität zulassen, Toleranz einüben.
In Kinderbüchern und Filmen sind oft
gerade die Mädchen und Jungen die
Helden, die mutig ihr eigenes Ding ma-

chen und lernen, dazu zu stehen! War-
ten Sie doch einfach gelassen ab. Ich
glaube, mit vier ist ihr Sohn tatsäch-
lich noch zu klein, um über seine Oh-
ren zu entscheiden. Wenn er mit sechs
immer noch Löcher will, starten Sie
mit einem Piratenohrring. Wenn ihm
der nicht reicht, ist das zweite Ohr
dran!

Herbert
Renz-Polster:
Ja, das klingt doch
nach einem ziemlich
aufgeklärten Kinder-
bild, nach dem Jungs
und Mädchen nicht
nur in eine bestimmte
Schublade von Äußerlichkeiten grei-
fen dürfen! Aber dann ist da dieses ei-
gentlich, das Sie in Ihrer Frage erwäh-
nen.Eigentlichwürden Sie diese Ohr-
ring-Geschichte gerne anders sehen,
freier, eben nicht nach dem alten

Schubladendenken. Aber mit demei-
gentlichdeuten Sie an, dass Sie inner-
lich noch nicht ganz so weit sind. Viel-
leicht schaffen Sie durch Fragen an
sich selbst mehr Klarheit: Was genau
ist eigentlich meine Sorge? Dass mein
Kind komisch angeschaut wird? Das
dürfte ihm heute in den meisten Tei-
len der Republik erspart bleiben, und
wenn, dann müssteersich dazu stel-
len und nicht Sie. Oder haben Sie die
Sorge, dass Ihr Sohn mit Ohrringen
„mädchenhaft“ wirkt? Das wäre dann
ein Klischee, das Sie im Grunde selber
füttern, indem Sie nur Ihrer Tochter er-
lauben, Ohrringe zu tragen. Deshalb
bleiben Sie doch bei Ihrem Wunsch:
Wenn Ihr Kind, wie Sie schreiben,
nicht lernen soll, dass einiges nur für
Mädchen und anderes nur für Jungs
ist, dann hieße das doch ... Gut, dass
Kinder in manchen Dingen weiter
sind als wir Eltern und uns auf die
Spur helfen, oder?

Collien
Ulmen-Fernandes:
Manchmal sollte man
bei einem eigentlich
bleiben: Wenn Ihr
Sohn zur Einschulung
immer noch auf Ohr-
ringe steht, gibt es
kein Zurück mehr. Denn es stehen ja
gleich mehrere Dinge auf dem Spiel:
Sind Sie und Ihre Versprechen zuver-
lässig? Kann sich Ihr Sohn darauf ver-
lassen, dass Ihre Deals halten? Und:
Lebt ihr Sohn mit seinen gestochenen
Ohrläppchen nicht auch ein klein biss-
chen Gender Equality? Und ist das
nicht eigentlich erstrebenswert?
Wenn ein moderner und schlauer
Mann aus ihm werden soll, erlauben
Sie ihm unbedingt „feminine“ Aspek-
te! Wenn ich noch einmal sechs oder
sieben Jahre alt wäre und in der ersten
Klasse, fänd ich ihn jedenfalls mit Si-
cherheit süß.

Margit Auerist die Autorin der Kinderbuch-Best-
seller-Reihe „Die Schule der magischen Tiere“,
die inzwischen mehr als zwei Millionen Mal
gedruckt und in 22 Sprachen übersetzt wurde.
Sie hat drei Söhne, die fast alle schon erwach-
sen sind, und lebt mitten in Bayern.

Herbert Renz-Polsterist Kinderarzt, Wissen-
schaftler und Autor von Erziehungsratgebern
und des Blogs „Kinder verstehen“. Er hat
vier erwachsene Kinder und lebt mit Frau
und jüngstem Kind in Ravensburg.

Collien Ulmen-Fernandesist Schauspielerin
und Moderatorin. Die Mutter einer Tochter
beschäftigt sich immer wieder in Texten mit
dem Thema Elternsein, 2014 erschien von ihr
das Buch „Ich bin dann mal Mama“.

 Haben Sie auch eine Frage?
Schreiben Sie eine E-Mail an:
familientrio@sueddeutsche.de

FAMILIENTRIO


Mein Sohn, 4, will Ohrringe. Bisher


rede ich mich mit „Hat deine


Schwester auch erst zur Einschulung


bekommen“ heraus und hoffe,


dass er es bis dahin vergessen


hat. Was ist, wenn er dann doch


welche will? Eigentlich sollen meine


Kinder nicht lernen, dass einiges


nur für Mädchen und anderes nur


für Jungs ist. Andererseits: Soll ich


ihm wirklich Löcher stechen lassen?


Sandra C. aus München


von nina himmer

J


ack Stuster hat ein Stück Freiheit
verloren, nicht aber seinen Humor:
„Immer noch komfortabler als auf
der ISS“, sagt er und schwenkt die
Kamera seines Laptops einmal
durch sein sonnendurchflutetes Wohnzim-
mer. Seine Frau und er leben gerade in frei-
williger Quarantäne in ihrem Haus in San-
ta Barbara, Kalifornien. So will er der Aus-
breitung des Coronavirus entgegenwirken
und sich schützen. Mit seinen 72 Jahren ge-
hört der Wissenschaftler zur Risikogrup-
pe. Damit kommt er seinem Fachgebiet in
diesen Tagen notgedrungen sehr nahe:
Jack Stuster ist Isolationsforscher.
Seit Jahrzehnten beschäftigt der Ameri-
kaner sich damit, wie Menschen unter ex-
tremen Bedingungen zusammenleben
und zusammenarbeiten – etwa im All, der
Arktis, in Unterwasserstationen oder auf
entlegenen Ölplattformen. Wie können
Harmonie und Kooperation auf engstem
Raum und abseits der Zivilisation gelin-
gen? Diese Frage treibt den Anthropologen
und Psychologen schon ein Leben lang um.


Zunächst ging er ihr auf Forschungssta-
tionen im ewigen Eis nach, später konzen-
trierte er sich auf die Gruppendynamik
von Astronauten im Weltraum. „Das All
hat mir die meisten Antworten geliefert“,
sagt er heute. Kein Wunder: Seit fast 40
Jahren berät Stuster die US-Raumfahrtbe-
hörde NASA, was ihm einen engen Aus-
tausch mit den Astronauten ermöglicht.
Sie führen für ihn auf der ISS geheime Ta-
gebücher und sprechen mit ihm über ihre
Erfahrungen im All-Alltag. Was nervt sie?
Was belastet sie? Was vermissen sie? Aber
auch: Was gibt ihnen Kraft? Was bereitet ih-
nen Freude? Wie entspannt man sich,
wenn man 400 Kilometer über der Erde
durch den Orbit rast?
Viele Anregungen des Forschers wur-
den bereits umgesetzt. Auf der ISS etwa
gibt es einen Esstisch mit Platz für das ge-
samte Team. Zudem hat er veranlasst, dass
jeder eine separate Schlafkoje bekommt
und es eine große Filmsammlung zur Un-
terhaltung gibt. „Am beliebtesten ist Stan-
ley Kubricks ‚2001: Odyssee im Weltraum‘,
den schauen die Astronauten am häufigs-
ten an“, sagt Stuster gut gelaunt. Auch für
eine Aussichtskuppel hat er gesorgt. Von
dort aus kann man die Erde sehen, Fotos
machen und seinen Gedanken nachhän-
gen. Die Idee habe er von einer Unterwas-
serstation, erzählt er weiter: „Man muss
die unwirklichsten Orte nutzen, um Erfah-
rungen für den Weltraum zu sammeln.“
Nun ist eine kleine Wohnung in der
Stadt oder ein Reihenhaus auf dem Land al-
les andere als ein unwirklicher Ort. Was
hat das Leben auf einer Raumstation mit
unserem derzeit eingeschränkten Radius
zu tun? „Eine ganze Menge“, sagt Stuster
und schmunzelt, sein weißer Schnauzer
zuckt. Bei seiner Arbeit habe er zwei we-
sentliche Dinge gelernt. Erstens: Men-
schen verhalten sich überall erstaunlich
ähnlich. Egal, wo sie sind und unter wel-
chen Umständen sie zusammenkommen.
Zweitens: Einzelne Menschen unter extre-
men Bedingungen zu beobachten ist ein
wenig, wie durch ein Mikroskop auf die ge-
samte Menschheit zu schauen. „Die we-
sentlichen Dinge werden stark vergrö-
ßert.“
Unter diesem Mikroskop kann man se-
hen, dass kleine Gruppen im All ähnliche
Erfahrungen machen wie größere auf der


Erde – allerdings nehmen sie diese stark
übertrieben wahr. „Winzige Meinungsver-
schiedenheiten, unbedachte Sprüche, Wit-
ze auf Kosten anderer oder gefühlte Grenz-
überschreitungen werden dort schnell
zum Problem“, sagt Stuster und erzählt
von Astronauten, die sich in ihren Tagebü-
chern seitenweise darüber auslassen, dass
jemand einen Laptop nicht zugeklappt
oder ein Werkzeug nicht zurückgeräumt
hat. „Aus Kleinigkeiten werden große Kon-
flikte, die die Stimmung vergiften können.
Das passiert im All viel schneller als auf der
Erde, folgt aber den gleichen Mustern.“

Stuster ist – und das nicht erst, seit ein
Virus die Menschheit in Atem hält – über-
zeugt, dass sich die Erkenntnisse, die er im
Laufe der Zeit gesammelt hat, auf den All-
tag von normalen Menschen übertragen
lassen. Etwa auf Bürogemeinschaften oder
das Familienleben. Wenn er glaubt, dass
Erdlinge etwas von Astronauten lernen
können, verfasst er kompakte Listen. Auf
der für Familien stehen 25 Punkte, darun-
ter viele vermeintlich banale Dinge: tägli-
ches gemeinsames Abendessen, kein Zeug

herumliegen lassen, Gemeinschaftsräume
sauber und ordentlich hinterlassen, auf ei-
nen freundlichen Umgangston achten, lee-
re Toilettenpapierrollen auswechseln, her-
ablassenden Humor vermeiden, sich nicht
über andere lustig machen, Gemein-
schaftsspiele spielen und auch Aufgaben
im Alltag übernehmen, um die man sich
nicht kümmern müsste – ohne damit zu
prahlen oder sich zu beklagen.
Dass das alles eher nach Kindergarten
als nach Raumstation klingt, ist Stuster be-
wusst. „Die Regeln sind in der Tat sehr ein-
fach. Trotzdem beherzigt sie fast niemand
konsequent“, sagt er. Gerade unter Stress
fallen sie schnell unter den Tisch. Und
Stress hätten nun mal fast alle in unserer
Gesellschaft, ob Astronaut oder Angestell-
ter. Das gilt gerade mehr denn je: Seit sich
das Coronavirus in Deutschland ausbrei-
tet, herrscht in Städten und Köpfen der
Ausnahmezustand.
Von allem Familien müssen ihr Leben
umorganisieren. Von einem Tag auf den an-
deren müssen manche zu Hause bleiben,
Schulen und Kindergärten sind geschlos-
sen, zu den Großeltern dürfen viele Kinder
nicht mehr und niemand kann genau sa-
gen, wie sich die Situation weiter entwi-
ckeln wird. Viele merken schon jetzt: Es
kann räumlich und emotional verdammt
eng werden, wenn unter solchen Umstän-
den alle aufeinanderhocken.
Um einen Lagerkoller zu vermeiden, rät
Stuster zu einer Umdeutung der Situation.
„Man sollte zunächst versuchen, die Qua-
rantäne nicht nur als Belastung, sondern
auch als Chance zu begreifen.“ Endlich sei
mal Zeit für Dinge, die sonst immer liegen
bleiben, weil nie Zeit dafür bleibt: lesen,
gärtnern, Dinge reparieren oder bauen, Bü-
cher lesen, Spiele spielen, die Festplatte
entrümpeln, basteln, Fotos sortieren, Wän-

de streichen. „Ich bin sicher, dass jedem Fa-
milienmitglied eine Menge solcher Dinge
einfallen.“ Mit einem positiven Mindset sei
schon viel gewonnen, aber natürlich
braucht es mehr als eine Einstellungsände-
rung, um gut durch die Quarantäne zu kom-
men. „Wichtig ist zum Beispiel, den Tagen
Struktur zu geben“, sagt Stuster. Für viele
Kinder gehen die Schulaufgaben weiter, El-
tern müssen das Home-Office organisie-
ren und auch sonst gibt es jeden Tag eine
Menge zu tun.
Ein realistischer Zeitplan und eine klare
Aufgabenverteilung können dabei helfen,
am besten hält man ihn schriftlich fest und
hängt ihn irgendwo auf. Was muss erledigt
werden? Von wem? Wie viel Zeit steht da-
für zu Verfügung? „Wenig frustriert Grup-
pen so sehr wie unrealistische Zielvorga-
ben“, weiß Stuster. Immerhin haben Men-
schen auf der Erde diesbezüglich die
Schwerkraft auf ihrer Seite. „Eines der
Hauptprobleme von Astronauten ist, dass
die Projektplaner auf der Erde immer zu
wenig Zeit für ihre Aufgaben einplanen,
weil sie vergessen, dass jeder Handgriff in
der Schwerelosigkeit viel länger dauert.“
Was auch eingeplant werden sollte, sind
Zeit für Pausen, Zerstreuung und Rückzug.
„Eine der wichtigsten Regeln für das Zu-
sammenleben auf engem Raum ist, dass je-
der die Möglichkeit haben muss, sich tem-
porär von der Gruppe zurückzuziehen.“ Ob
in eine Aussichtskuppel im All oder ein
Bettlaken-Tipi im Wohnzimmer ist dabei
völlig egal. Hauptsache, alle akzeptieren,
dass jeder auch Zeit für sich braucht.
Umgekehrt sollte es Zeiten geben, die
man bewusst gemeinsam verbringt. „Der
beste Beitrag zur Gruppenharmonie ist ei-
ne gemeinsame Mahlzeit am Tag, bei der
man sich in lockerer Atmosphäre trifft und
austauscht“, sagt Stuster. Noch besser: Das

Essen gemeinsam vorbereiten. Die Mahl-
zeiten entspannen nicht nur die Stim-
mung, sondern markieren auch den Ver-
lauf der Zeit. Daher ist es sinnvoll, zu spezi-
ellen Anlässen wie der Quarantäne-Halb-
zeit kleine Festessen zu organisieren. „Ge-
rade wenn man viel Zeit vor sich hat oder
gar nicht genau weiß, wie lange das alles
noch dauert, kann das sehr helfen.“ Ein
Tipp, den auch die Astronauten auf der ISS
beherzigen. Für ganz besondere Anlässe
gibt es dort sogar Schnaps.
Auch bei den Kontakten zur Außenwelt
gibt es Parallelen. Auf einmal gilt es, räum-
liche Distanz zu überbrücken. Dank Tele-
fon und Internet können alle Familienmit-
glieder mit Freunden und Familien Kontak-
te halten; wichtig ist, sich dafür viel Zeit zu
nehmen. Zur Unterhaltung und für die Mo-
ral dürfen Astronauten übrigens immer
mal wieder mit Prominenten sprechen.
Am häufigsten wird der Schauspieler Wil-
liam Shatner alias Captain Kirk zugeschal-
tet. „Der fragt dann, wie es denn im All so
ist“, sagt Stuster, der selbst nie im Welt-
raum war. „Ich habe Familie. Und ich glau-
be, als Astronaut sollte man keine Kinder
haben. Man würde sie zu sehr vermissen.“
Für die Marsmission hat er der NASA
empfohlen, kinderlose Paare zu schicken,
damit das Heimweh nicht zu groß wird. Al-
lein die Anreise wird sechs Monate dauern,
die Mission selbst wohl drei Jahre. „Dage-
gen lässt sich Quarantäne doch gut aushal-
ten“, sagt Stuster.

 Mehr Texte zum Thema
Erziehung finden Sie in
unserer Sonderausgabe
„Familie und Partner-
schaft“ im digitalen
Kiosk der SZ oder unter
sz.de/familien

Es gibt einige Parallelen
zwischen dem Leben im All und
dem Leben in Quarantäne

Jack Stuster, Jahrgang
1947, erforscht seit
Jahrzehnten die Dynamik
von Gruppen unter
extremen Bedingungen.
Er ist Anthropologe,
Psychologe und Autor des
Buchs „Bold Endeavors“,
das als Pflichtlektüre
unter Astronauten gilt.
Seit den Achtzigerjahren
berät er die Nasa,
gerade plant er die
Marsmission mit. Er lebt
und arbeitet in Santa
Barbara, Kalifornien.
FOTO: PRIVAT

Dank Jack Stuster essen die
Astronauten auf der ISS
einmal am Tag gemeinsam

Raumkapsel Wohnküche


Jack Stuster untersucht für die Nasa das Zusammenleben von Menschen auf engstem Raum im All.


Seine Erkenntnisse dienen nicht nur Astronauten, sondern in Corona-Zeiten auch Familien mit Lagerkoller


FOTOS: AUER,VERLAG, ANATOL KOTTE

Wenn eine Familie
über Wochen
eng aufeinanderhockt,
kann es schon
mal knallen. Muss
es aber nicht.
Struktur und ein
positives Mindset
helfen ungemein.
Und natürlich Kartons
in rauer Menge.
FOTO: DEEPOL BY PLAINPICTURE

48 GESELLSCHAFT FAMILIE UND PARTNERSCHAFT Samstag/Sonntag, 21./22. März 2020, Nr. 68 DEFGH

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