Süddeutsche Zeitung - 11.03.2020

(Frankie) #1
von andreas zielcke

W


elche Verteilung von Eigentum
und Vermögen in einer Gesell-
schaft ist „gerecht“? In der Umfra-
ge desSpiegelvon letzter Woche erklären
drei von vier Befragten die Verteilung in
Deutschland als „ungerecht“. Tatsächlich
besitzen die reichsten zehn Prozent der
Bevölkerung 56 Prozent des gesamten Ver-
mögens, die ärmere Hälfte hat einen Anteil
von 1,3 Prozent. Trotz dieser aberwitzigen
Schere bleibt die Debatte in diffuser Empö-
rung stecken. Rechtsextreme Parteien ma-
chen sich das zu Nutze, aber die wenigsten
Bürger stellen die private Verfügung über
Kapital in Frage.
Auch Thomas Piketty ist weit entfernt
von einer Fundamentalkritik. Weder sein
2013 erschienenes Buch „Kapital im 21.
Jahrhundert“, das zum millionenfach ver-
kauften Klassiker über die Ungleichheit ge-
worden ist, noch sein neues Buch „Kapital
und Ideologie“ (C.H.Beck Verlag) geht den
systemischen Mechanismen der moder-
nen Marktwirtschaft auf den Grund.
Als Kapitalismusgegner seinem Erfolgs-
buch genau diese Unterlassung vorwarfen,
war das ein arges Missverständnis. Piketty
ist kein Analytiker des „Kapitals“ im Sinne
des Spätwerks von Karl Marx, und erst
recht ist er kein „Marxist“ im Sinne der Tra-
ditionslinken, die nach wie vor am Ende
des kapitalistischen Tunnels eine gemein-
wirtschaftliche Utopie leuchten sehen.


Allerdings provoziert Pikettys Vokabu-
lar selbst das Missverständnis. Beharrli-
cher noch als früher ist in seinem neuen
Buch von der „Auflösung des Privateigen-
tums“ die Rede, seine Reformvorschläge
zielen auf die „Überwindung des Kapitalis-
mus“. Doch hier zeigt sich, warum er bei all
seiner akademischen Bedeutung zugleich
der bejubelte „Rockstar der Ökonomie“
werden konnte, wie ihn seinerzeit sogar
dieFinancial Timestitulierte. Piketty be-
sitzt eine einnehmende, um nicht zu sagen
smarte Unschuld der Begriffsbildung.
Allein sein undogmatisch-geschmeidi-
ges Verständnis von „Kapital“ ist charakte-
ristisch. Meist meint er damit nicht nur die
unternehmerischen Anlagen zur Gewinn-
erzeugung, sondern auch alle sonstigen
Besitztümer mit ökonomischem Macht-
potential wie Grund, Wertpapiere, Staats-
anleihen oder gut gefüllte Bankkonten.
Damit stellt er zwar sogar sein ureigenes
Metier, die Statistik, vor das schwere Pro-
blem, derart unterschiedliche Güter auf
denselben Nenner zu bringen. Dem steht
aber der beträchtliche Vorteil gegenüber,
dass sein breiter Ansatz optimal zur popu-
lären Gerechtigkeitsdebatte passt: Denn
ihr geht es ja in erster Linie um soziale
Übermacht, Privilegien und unerreichbare
Exklusivität des wie auch immer zusam-
mengesetzten (Super-)Reichtums, nicht
um Ausbeutung im Unternehmen.
Darum kann ausgerechnet Piketty, der
sich gar nicht mit Antikapitalismus abgibt,
von der Überwindung des Kapitalismus
sprechen. Einfach deshalb, weil Überwin-
dung bei ihm letztlich heißt, das krasse Ver-
mögensungleichgewicht in der kapitalisti-
schen Wirtschaft zu korrigieren, ohne ihre
Markt- und Profitlogik aufzuheben. Piket-
ty ist radikaler Sozialdemokrat.
Was bedeutet dies konkret?
Für seine Antwort spannt er den histori-
schen Bogen weiter als in seiner berühm-
ten Analyse von 2013, teilweise bis in den
Anfang der Neuzeit, dem Auftakt des trans-
atlantischen Sklavenhandels. Zugleich er-
gänzt er die Perspektive. Während sein
Bestseller hauptsächlich die Verteilungs-
kurven chronologisch aufreihte und so die
Evolution der Ungleichheit sichtbar mach-
te, bettet er jetzt die Datenstrukturen in ih-
re ideologischen Umfelder ein.
Der Erkenntniszugewinn ist groß, zumal
er sich an dem schlichten, aber triftigen
Leitmotiv orientiert: Jedes Ungleichheits-


regime ist eine soziale Konstruktion, die
auf rechtfertigenden Ideologien aufbaut.
Auch retrospektiv könnte man versucht
sein, diese Selbstlegitimierungen ideolo-
giekritisch anzugehen. Nicht so Piketty. Er
bleibt neutral und lässt die „Ungleichheits-
regime“ für sich sprechen. Umso informati-
ver ist seine historische Revision.
Im Prinzip unterscheidet er vier Sozial-
ordnungen, die – halb schematisch, halb
realitätsnah betrachtet – aufeinander folg-
ten. Zunächst die „trifunktionale“ Gesell-
schaft, wie er die Gliederung von Geistli-
chen, Adel und dritten Stand nennt. Dann
die „Eigentümergesellschaft“, deren Hoch-
zeit er in Europa zwischen französischer
Revolution und 1914 markiert. Schließlich
die „sozialdemokratische“ Gesellschaft
vom Ersten Weltkrieg bis in die 70er Jahre
des 20. Jahrhunderts. Und seither die er-
neuerte Eigentümer- oder „neo-proprietis-
tische“ Gesellschaft, deren Hegemonie
und Krise wir, sagt Piketty, heute erleben.
„Die Eigentumsfrage“, schrieb der Sozio-
loge Wolfgang Streeck vor kurzem, „ist die
offene Wunde der kapitalistischen Gesell-
schaft“. Piketty wird das bejahen, aber
stark differenzieren. Seine Vierstufenfolge
zeigt, wie elementar sich die gesellschaftli-
che Bestimmung des privaten Besitzes
wandelt. Gerade auch in der Moderne ist Ei-
gentum bei weitem nicht gleich Eigentum.

Der Adel besaß nicht einfach seine Gü-
ter. Mit seinen Ländereien verbanden sich
hoheitliche Schutzpflichten und Sonder-
befugnisse, Gerichtsbarkeiten, Abgaben-
rechte, Frondienste. Adelseigentum war,
zumindest als Grundbesitz, ein gemischt
privat-hoheitliches Herrschaftsverhältnis.

Konsequent privatisiert wurde Eigen-
tum erst durch die bürgerlichen Revolutio-
nen. Jetzt stand es, von allen hoheitlichen
Funktionen befreit, rechtlich jedem glei-
chermaßen zu. Faktisch aber entwickelte
sich das nun rein private Vermögen etwa in
Frankreich entgegen dem revolutionären
Gleichheitsversprechen äußerst ungleich.
Ende des 19. Jahrhunderts, in der Belle
Époque, stellte die materielle Kluft zwi-
schen Oben und Unten selbst das Gefälle
des Ancien Régime tief in den Schatten.
Hauptzweck des inzwischen etablierten
Zentralstaates wurde, das rechtlich egalitä-
re, aber sozial entfesselte Privateigentum
zu schützen und von Abgaben zu verscho-
nen. Wenige Prozente Ertragssteuer, mehr
wurde von der Eigentümergesellschaft
(die oft durch Zensurwahl auch politisch

unter sich bleiben konnte) nicht geduldet.
Dann die Transformation vor allem nach
dem Ersten Weltkrieg bis in die 70er Jahre,
die Piketty als Sozialdemokratisierung des
Eigentums bezeichnet. Nun zweigte sich
der entstehende Sozialstaat, um eine um-
fangreiche Vorsorge- und Infrastruktur
aufzubauen, einen Anteil von rund 30 Pro-
zent vom gesamten Nationaleinkommen
ab, in der letzten Nachkriegszeit wuchs die-
se Quote auf 40 bis 50 Prozent; im vormali-
gen nackten Eigentümerstaat war es maxi-
mal ein Zehntel gewesen.
Eigentum stand nun nicht nur für seine
sozialen Wirkungen ein, sondern definier-
te durch Miet-, Arbeits- und Mitbestim-
mungsrechte auch seine kapitalistische
Funktion substantiell um. Piketty sieht
hier den historisch initiierten, aber nie voll-
endeten Ansatz, den Absolutismus des
Privateigentums aufzuheben – ohne es
abzuschaffen. In keiner Epoche war je die
Ungleichheit bei Einkommen und Vermö-
gen geringer.
Die sich danach, seit 1980, anschließen-
de Renaissance des deregulierten Eigen-
tums mit dem Rückbau sozialer und sozial-
staatlicher Bindungen kennen wir. Ob die-
se Phase allerdings treffend als Rückfall
zum autonomen Eigentum des 19. Jahrhun-
derts hingestellt werden kann, ist fraglich.
Schließlich erfasst der heutige Staat trotz

des neokapitalistischen Drucks in den
meisten Nationen noch immer 40 bis 50
Prozent des Nationaleinkommens. Abge-
sehen davon: Ist es heute primär nicht das
Eigentum, sondern vielmehr der Markt,
der neoliberal sakralisiert wird?
Entscheidend in der aktuellen Debatte
ist für Piketty, dass die jetzige neokapitalis-
tische Phase bei wieder steil angestiegener
Ungleichheit nur schwache Wachstums-
raten kennt. Und das, obwohl die Unterneh-
mens- und Einkommensteuern massiv
abgesenkt und die Vermögenssteuern (ab-
gesehen von den bescheidenen Grundsteu-
ern) fast überall gänzlich beseitigt wurden.
Piketty zieht daraus den heute in der Tat
verwegen erscheinenden Schluss: Er rät
nicht nur, die Einkommensteuer für Millio-
neneinkommen auf Sätze von 70 oder 80
Prozent zu erhöhen, sondern ebenso die
Steuern auf Vermögen und Erbschaften, so-
fern es sich um Milliardensummen han-
delt. Nach und nach würde so die Gesell-
schaft zum Erben des Superreichtums.
Dass er damit seinen längst erworbenen
Ruf eines unverbesserlichen Umverteilers
bekräftigt, versteht sich.
Seine Reformideen würden, so auch der
aktuelleEconomist, jeder unternehmeri-
schen Initiative den Anreiz nehmen und
Wachstum ersticken. Warum aber, hält er
dagegen, sind die Wachstumsraten der gol-

denen Nachkriegsjahrzehnte im Schnitt
doppelt so hoch gewesen, obwohl damals
die Steuerprogression genauso weit ging,
wie er es jetzt empfiehlt?
Und auch gegen den nächstliegenden
Einwand, dass die Nachkriegszeit angeb-
lich nur deshalb so dynamisch gewachsen
sei, weil die Kriegszerstörungen einen un-
geheuren Wiederaufbaubedarf ausgelöst
hätten, weist er darauf hin, dass die Wirt-
schaft der USA in jener Zeit nicht weniger
rasant wuchs. In einem Land also, das
nicht zerstört war und das dennoch diesel-
ben, aus heutiger Sicht astronomisch ho-
hen Steuersätze auf Höchsteinkommen
und -vermögen besaß.
Trotzdem, so diskutabel Pikettys provo-
kante Reformvorschläge sind, die er zur
sozialstaatsgerechten Inklusion des Reich-
tums macht – das Hauptverdienst des
neuen Buchs liegt in der Analyse und
Kontextualisierung der Daten.

Auf diesem Terrain überragt es selbst
sein Vorgängerbuch deutlich. Auch wer völ-
lig immun gegen seinen ultimativen sozial-
demokratischen Impetus ist, kann von den
systematisch geschürften und aufbereite-
ten Fakten ungemein profitieren. Zwi-
schen allen Beschreibungen ideologischer
und institutioneller Konstellationen quillt
das Buch über von überaus erhellenden
Statistiken. Keine Sorge, auch zahlenaller-
gischen Zeitgenossen gehen in den Dia-
grammen problemlos die Augen auf.
Wie Röntgenaufnahmen bilden sie das
soziale Knochengerüst im Inneren der ver-
schiedenen Gesellschaftskörper ab, die
gut gewachsenen und die lädierten Kno-
chen, ihre pathologischen Asymmetrien.
Mit einer bisher kaum bekannten Tiefen-
schärfe und Anschaulichkeit liefert Piketty
hier eine soziale Anatomie über die Zeiten
und Kontinente hinweg.
Welchen monetären Wert maß man dem
Eigentum an Sklaven zu? Bekanntlich wur-
den nicht die befreiten Sklaven für die Zeit
ihrer Versklavung entschädigt, sondern sie
mussten umgekehrt ihre ehemaligen Ei-
gentümer für die „Enteignung“ entschädi-
gen. Das musste auf Heller und Pfennig er-
rechnet sein. Eine grotesker Ausfluss der
Eigentümergesellschaft.
Welchen Aufwand leisteten sich die In-
dustrieländer für Bildung? Welchen Anteil
ihres Nationaleinkommens gaben zum Bei-
spiel die USA bis in die Nachkriegszeit für
primäre und sekundäre Schulbildung aus
(weit mehr als Europa!)? Und wie weit fie-
len sie dann bei der Hochschulbildung bis
heute hinter Europa zurück? Wie entwi-
ckelte sich parallel dazu ihre Produktivi-
tätsrate in der Wissensgesellschaft?
Wie hoch ist heute das Auslandsvermö-
gen der kleptokratischen Führungsschicht
Russlands? Wie entwickelt sich die Un-
gleichheit im kommunistisch-kapitalisti-
schen China? Im Gottesstaat Iran?
Nicht zuletzt die Serie von Statistiken ist
besonders interessant, mit denen Piketty
detailliert aufzeigt, wie die sozialdemokra-
tische Wählerschaft in allen westlichen
Ländern regelrecht ausgetauscht wurde –
statt den ehemals vorwiegend bildungsfer-
nen Arbeiterschichten ist es heute vor al-
lem die Kohorte der Akademiker. Trefflich
der Ausdruck „brahmanische Linke“. So ge-
nau hat das bisher keiner eruiert, obwohl
der demütigende Repräsentationsverlust
der Unterschicht alle beunruhigen muss.
Und viele, viele datengestützten Enthül-
lungen mehr. Wer meint, es ginge nur um
Ungleichheit der trivialen Art (10 versus 90
Prozent), wird reichhaltig belehrt. Noch ist
die Wirkungsweise des gesellschaftlichen
Dreh- und Angelpunkts „Privateigentum“
samt seiner unersetzlichen wie seiner
schädlichen sozialen Dynamiken nicht
genügend durchschaut. Doch bei bloßem
politischen Gottvertrauen oder aber dump-
fer Empörung darf man es nach aufklären-
den Studien wie dieser von Piketty keines-
falls mehr belassen.

Die berühmteste BalladeLedZeppelins,
„Stairway To Heaven“, ist vorerst wieder
doch kein Plagiat. Das hat nun ein Beru-
fungsgericht in San Francisco entschie-
den. Die Mehrheit der elf Richter setzte da-
mit am Montag das Urteil einer Geschwore-
nen-Jury aus dem Jahr 2016 wieder in
Kraft, das die Band vom Vorwurf des Plagi-
ats freigesprochen hatte.
Im damaligen Prozess mussten sich Gi-
tarrist Jimmy Page und Sänger Robert
Plant gegen den Vorwurf wehren, das Intro
ihres 1971 veröffentlichten Songs vom
Song „Taurus“ der BandSpiritgeklaut zu
haben, der drei Jahre zuvor erschienen ist.
Es ging um Tantiemen in Millionenhöhe.
Die Klage gegen Led Zeppelin hatte der
Nachlassverwalter des verstorbenen Spirit-
Gitarristen Randy Wolfe angestrengt. Der
Klägeranwalt kündigte an zu prüfen, ob er
das Urteil anfechten könne.
Zwei Jahre nach seinem Ende war der
Prozess 2018 wegen formaler Fehler neu
aufgerollt worden. Den Geschworenen hät-
te vor einem Urteil die Aufnahmen von
„Stairway To Heaven“ und „Taurus“ vorge-
spielt werden müssen. Dies wiesen die
Richter in San Francisco jetzt aber zurück,
denn es gehe um die Komposition des Lie-
des, nicht um die Aufnahme. 2016 hatte
der Richter keine Tonaufzeichnungen als
Beweismittel zugelassen und dies mit dem
Argument begründet, dass bis 1976 nur No-
ten von Songs urheberrechtlich geschützt
gewesen seien und nicht Originalaufnah-
men. Page und Plant hatten die Vorwürfe

im Verfahren als „lächerlich“ zurückgewie-
sen und betont, den Song allein geschrie-
ben zu haben. Die musikalischen Elemen-
te, die auch bei „Taurus“ auftauchten, sei-
en Bausteine, die in der westlichen Musik
seit Jahrhunderten verwendet würden.
Tatsächlich klingen beide Intros ver-
wandt, bestehen aus absteigenden Arpeg-
gios, die auf einer akustischen Gitarre ge-
spielt werden. Danach enden die Ähnlich-
keiten schnell. „Stairway To Heaven“ be-
ginnt letztlich ungleich raffinierter.
Bei früheren Plagiatsvorwürfen gegen
Led Zeppelin wie etwa im Fall ihres Hits
„Whole Lotta Love“ kam es jeweils zu au-
ßergerichtlichen Einigungen. dpa, sz

Der designierte Direktor der neugegründe-
tenBerliner Bauakademie, Florian Pro-
nold, gibt seinen Kampf um den Posten
auf. Am Dienstag verkündete er über seine
Homepage, er stehe nicht mehr zur Verfü-
gung. Laut einer Empfehlung des Karenz-
zeitgremiums der Bundesregierung könne
er den Posten frühestens am 15. August an-
treten, schrieb er. Das würde den Aufbau
der Bundesstiftung Bauakademie zu sehr
verzögern. Erneut klagte er über „Neid
und Standesdünkel“ seiner Kritiker.
Der SPD-Bundestagsabgeordnete und
frühere bayerische SPD-Chef Pronold war
als Parlamentarischer Staatssekretär im
Bauministerium für den Ideenwettbewerb
zum Wiederaufbau der Schinkelschen Bau-
akademie verantwortlich. Zu Beginn die-
ser Legislaturperiode wechselte er ins Um-
weltministerium. Im Dezember wurde Pro-
nold überraschend zum Gründungsdirek-
tor der Bauakademie ernannt. Daraufhin
protestierten Hunderte Vertreter aus Archi-
tektur und Kultur gegen die Berufung.
Zum einen, weil Pronold die in der Aus-
schreibung verlangten Qualifikationen feh-
len, zum anderen, weil er als Staatssekre-
tär an der Gründung der Bauakademie be-
teiligt war, deren Leitung er nun überneh-
men sollte. Ein Gericht stoppte die Beset-
zung per Einstweiliger Verfügung.
Die Fehlbesetzung hätte sich vermeiden
lassen, wenn der Bundestag, als er 2016 für
das Projekt 62 Millionen Euro bewilligte,
Sachverständige statt Politiker mit der Ent-
wicklung des Konzepts betraut hätte. jhl


Das geplante Deutsche Institut für Fotogra-
fie hätte eines der Kulturprojekte werden
können, das nicht schon von Beginn an in
einem Strudel aus Machtkämpfen und poli-
tischer Übergriffigkeit kreist. Am Dienstag
legten in Berlin vier Experten um den Kura-
tor Thomas Weski ein überzeugendes Kon-
zept dafür vor. Die Museen und Archive in
Deutschland, die Fotosammlungen und
Nachlässe bedeutender Fotografen besit-
zen, seien überfordert. Es fehle dort an
Knowhow, Lagerbedingungen, Verfahren,
um den Verfall von Abzügen und Negati-
ven zu stoppen und digitale Bilder dauer-
haft zu bewahren. Man warnt vor einem
„dramatischen Defizit“, das möglicherwei-
se zum „Verlust unseres visuellen Gedächt-
nisses“ führen könnte. Kulturstaatsminis-
terin Monika Grütters hatte im Juli erst-
mals laut über eine solche Einrichtung
nachgedacht. Weski und mit ihm Ute Es-
kildsen, Thomas Gaehtgens und Katrin
Pietsch, alle Spezialisten auf dem Gebiet,
sollten ein Konzept dafür entwickeln.
Doch dann grätschte im November der
SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes
Kahrs, der im Haushaltsausschuss für Kul-
tur zuständig ist, dazwischen. Er hatte ge-
meinsam mit Verantwortlichen in Nord-
rhein-Westfalen einen eigenen Plan für
ein „Fotoinstitut Düsseldorf“ entwickelt.
Der Bundestag bewilligte auch 41,5 Millio-
nen Euro dafür; NRW und Düsseldorf
stimmten zu, gemeinsam ebenso viel be-
reitzustellen; in Düsseldorf erschien das In-
stitut sogar schon in der Planung eines neu-

en Kulturviertels am Rheinufer. Das wird
nun zum Problem.
Denn Weskis Konzept spricht sich dafür
aus, das Fotoinstitut nicht in Düsseldorf,
sondern in Essen anzusiedeln. Mit der Folk-
wang-Universität, dem Museum Folk-
wang, der Zeche Zollverein und dem Enga-
gement der Krupp-Stiftung sei dieser
Standort ideal. Auch zum Düsseldorfer
Konzept, das eine Gruppe um Andreas
Gursky, dem bekanntesten Vertreter der
„Düsseldorfer Schule“, entwickelte, neh-
men Weski und die anderen Autoren Stel-
lung. Es binde „die Arbeit der Einrichtung
an den Erhalt von Kunstwerken einiger
ausgewählter Fotografinnen und Fotogra-
fen“. Außerdem sei das Budget von 83 Milli-
onen, auf das sich Bundestag und NRW ge-
einigt haben, aus der Luft gegriffen.
Im Januar hieß es aus dem Haushalts-
ausschuss, die bewilligten 41,5 Millionen
seien an den Standort Düsseldorf gebun-
den. Grütters war anderer Meinung, aber
sicher ist man sich beim Kulturstaatsminis-
terium nicht. Immerhin, so heißt es dort, lä-
gen Essen und Düsseldorf im selben Bun-
desland, das erleichtere die Verhandlun-
gen. Eventuell könne man das Fotoinstitut
auf beide Städte aufteilen: Nach Essen kä-
men dann Forschung und Archive, in Düs-
seldorf würden die Ausstellungen gezeigt.
Zu hoffen ist, dass man dies nicht tut. Und
dass man eine Institution schon vor ihrer
Geburt wegen einer politischen Fehlent-
scheidung beschädigt, ist nicht zu erklä-
ren. jörg häntzschel

Das Kuratorium der Deutschen Film- und
Fernsehakademie Berlin (DFFB) hat Ben
Gibson mit sofortiger Wirkung von seinem
Posten als Direktor der Filmhochschule ab-
berufen, wieBlickpunkt Filmmeldet. Der
62-Jährige soll nach einem Streit mit Stu-
dierenden seine Hose heruntergelassen
und der Gruppe seinen Hintern gezeigt ha-
ben. Die Verwaltungsleiterin Sandra Braun
übernehme kommissarisch seine Vertre-
tung. Gibson war seit 2016 an der DFFB, zu-
vor produzierte er unter anderem das Dra-
ma „Under the Skin“ (1997). dbs

DEFGH Nr. 59, Mittwoch, 11. März 2020 11


Alles doch Gold


„Stairway To Heaven“ ist vorerst wieder kein Plagiat


Pronold gibt auf


Designierter Direktor der neuen
Bauakademie verkündet Rückzug

Piketty will Millioneneinkommen
mit 70 bis 80 Prozent besteuern.
Große Erbschaften ebenfalls.

Feuilleton
Die Liedermacherin Bettina Wegner
über Volkslieder, die DDR und
die Rückkehr der Faschisten 13

Literatur
Julia Voss’ wunderbar
anschauliche Biografie der
Künstlerin Hilma af Klint 14

Wissen
Bartgeier sollen in den
bayerischen Alpen
wiederangesiedelt werden 16

www.sz.de/kultur

Vor Eröffnung beschädigt


Wohin nur mit dem neuen Institut für Fotografie?


Hose runter,


Direktor weg


Wie Röntgenaufnahmen bilden
die Statistiken das Knochengerüst
im Gesellschaftskörper nach

Vorwärts ohne Marx


ThomasPikettys neues Buch „Kapital und Ideologie“


durchleuchtet tiefenscharf die Anatomie


der Ungleichheit und des Privateigentums


Den Kapitalismus überwinden,


ohne die Marktlogik aufzuheben –


dank radikaler Sozialdemokratie


FEUILLETON


Ungleich raffinierter: Robert Plant und
Jimmy Page 1988 in New York. FOTO: AFP

ILLUSTRATION: STEFAN DIMITROV

HEUTE

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