Der Spiegel - ALE (2022-05-07)

(EriveltonMoraes) #1
WISSEN

Nr. 19 / 7.5.2022DER SPIEGEL 101

sensoren rezeptfrei kaufen, allerdings
zu einem deftigen Preis: Ein Sensor
hält 14 Tage, ein Doppelpack kostet
derzeit 150 Euro im Abo-Paket.
Southerland ist davon überzeugt,
dass das Geld gut angelegt ist: »Ath-
leten erzählen uns immer wieder von
Leistungssteigerungen von 10 bis 20
Prozent«, behauptet er. »Wir haben
bei uns selbst Werte von 14 bis 18 Pro-
zent beobachtet.« Belastbare, unab-
hängige Studien gibt es jedoch kaum.
Viele Experten halten derartig pau-
schale Zahlen für zu hoch gegriffen.
Unstrittig ist: Während sich Tem-
po, Puls oder Bewegungsmuster leicht
messen lassen, war die kontinuier-
liche Überwachung des Blutzucker-
werts bislang eine große Unbekannte
im Sport: Wer zapft sich schon wäh-
rend des Wettkampfs einen Tropfen
Blut ab? Die meisten Sportler ver-
lassen sich lieber auf ihr Hunger-
gefühl. Doch das trügt bisweilen.
Stattdessen könnte es besser sein,
schon etwas zu tun, bevor das Ma-
genknurren einsetzt. Wer rechtzeitig
vor dem Abfall des Zuckerspiegels
etwas isst, etwa eine Banane, fällt
gar nicht erst in das Zuckerloch. Ge-
nau diese Funktion eines Frühwarn-
systems soll die Glukosemessung
leis ten – zumindest in der Theorie. In
der Praxis dagegen scheitert die
perfekte »Fueling-Strategie«, wie
Athleten sie nennen, daran, dass die
Verdauung und der Zuckerspiegel
stark von der Tagesform abhängen,
vom Schlaf in der Nacht zuvor, von
etwaigem Jetlag. Auch Stress erhöht
den Blutzuckerspiegel, was evolu-
tionär sinnvoll erscheint, denn so
bereitet sich der Körper darauf vor,
in gefährlichen Situationen ausdau-
ernd zu kämpfen oder zu fliehen.
Bislang ist das Zusammenspiel
beeinflussender Faktoren noch nicht
verlässlich erforscht. Immerhin böten
die technischen Möglichkeiten von
CGM einen ganz neuen Blick auf die
Rolle von Ernährung im Ausdauer-
sport, findet Michael Riddell, Physio-
logieprofessor an der York University
im kanadischen Toronto und Experte
für Diabetes und Sport: »Medizin-
lehrbücher müssen teils neu ge-
schrieben werden«, sagt er. »Viele
Annahmen werden über den Haufen
geworfen, seit wir nicht mehr nur
stichprobenartig Blut abnehmen, son-
dern Sportler kontinuierlich über-
wachen können.«
Riddell hat mehr als 180 wissen-
schaftliche Artikel veröffentlicht.
Auch hat er Supersapiens wissen-
schaftlich beraten, allerdings legt er
Wert auf Unabhängigkeit. »Wir soll-
ten vorsichtig sein mit den Versprechen


der Firma«, sagt er. Den propagierten
Energieanstieg von über zehn Pro-
zent könne man eher dann erwarten,
wenn Athleten zuvor vieles falsch ge-
macht hätten: einen fetten Schweine-
braten kurz vor einem Wettlauf ge-
gessen etwa. »Bei anderen Athleten
könnte die Leistungssteigerung durch
CGM eher bei zwei Prozent liegen, bei
einem Prozent – oder auch bei null.«
Riddell ist selbst Diabetiker, im
Alter von 15 Jahren bekam er seine
Diagnose. »Ich gehörte in den Neun-
zigerjahren zu den ersten Leuten, die
einen CGM-Glukosemonitor bei sich
trugen«, erzählt Riddell: »Damals
waren diese Geräte nicht besonders
praktisch, und man sah die Zucker-
werte erst im Nachhinein.« Trotzdem
konnte er so beobachten, dass Sport
seinen Blutzucker stabilisiert.
Seitdem er seinen Stoffwechsel
auf dem Handydisplay verfolgen
kann, hat Riddell seine Ernährung
umgestellt, erzählt er. »Ich esse keine
Cerealien mehr zum Frühstück. Auch
Leute ohne Diabetes sollten einen
Bogen um sie machen. Es sei denn,
sie befinden sich mitten in einem
Sportwettkampf.«
Die Möglichkeiten der kontinuier-
lichen Gewebezuckermessung sind
für ihn noch längst nicht ausgeschöpft.
»Früher konnten nur wenige Sportler
untersucht werden, meist nur punk-
tuell und unter eher unnatürlichen
Laborbedingungen«, sagt Riddell.
»Heute dagegen können wir Tausen-
de Sportler beim Training, im Alltag
und im Schlaf beobachten, bei einem
Wüstenmarathon oder bei einem
Ironman.« Bislang ging man von viel-
leicht 50 Einflussgrößen beim Blut-
zuckerspiegel aus, inzwischen kalku-
liert Riddell eher mit 75, vielleicht
seien es aber sogar 200.
Mit diesen Möglichkeiten der Rund-
um-die-Uhr-Überwachung ausgestat-
tet, will Riddell den Einfluss der Er-
nährung auf die Ausdauer von Sport-
lern weiter erforschen. Derzeit geht

er der Frage nach, ob es klug sein
könnte, vor einem Wettbewerb mitten
in der Nacht einen Teller Nudeln zu
essen, um die Energiespeicher aufzu-
füllen – und genau zum Start den per-
fekten Blutzuckerspiegel zu haben.
Petra Platen, Professorin für Sport-
medizin an der Ruhr-Universität Bo-
chum, ist angesichts der Möglichkei-
ten der CGM weniger euphorisch.
»Ich habe selbst vier Wochen lang so
ein Messgerät für den Gewebezucker
getragen«, viel Neues habe sie beim
Selbstversuch nicht gelernt. »Ob die-
se Messung einen großen Effekt hat,
hängt vor allem davon ab, wie viel
man zuvor falsch gemacht hat und ob
man die Werte richtig interpretieren
kann. Wer sich vorher bereits gut
ernährt hat, bekommt wohl auch mit
Supersapiens keine große Leistungs-
verbesserung hin.«
Vor allem hält sie wenig davon,
wegen der neuen Methode bewährte
Rezepte über den Haufen zu werfen.
»Es wäre naiv und vorschnell, nur
aufgrund der Gewebezuckermessung
die Ernährung am Renntag komplett
umzustellen«, warnt Platen, die einst
als Handballerin in der National-
mannschaft gespielt hat: Wer zur
Optimierung seines Blutzuckerspie-
gels mitten in der Nacht eine Riesen-
portion Pasta esse, bringe den Schlaf
durcheinander und damit den Hor-
monhaushalt und die Leistung. »Man
darf Ernährung und Blutzucker nicht
isoliert betrachten, auch Schlaf und
Stress und Motivation sind essenziell
wichtig, um gute Leistung zu brin-
gen«, sagt Platen.
Vor allem kann das ständige Schie-
len auf die Sportuhr nerven, das Arma-
turenbrett am Armgelenk mit Tempo,
Distanz, Puls und Zuckerwerten ab-
lenken und den Stresspegel erhöhen.
»Ich habe mich seit 25 Jahren intensiv
mit meinem Körper beschäftigt«, sagt
Frodeno, auf ihn wirkt es eigenartig,
wenn ihm eine App sagt, wann er es-
sen soll. Er nutzt den Gewebezucker-
sensor eher, um sein Bauchgefühl zu
trainieren. Sein Rat: sich bloß nicht
von irgendwelchen Daten verrückt
machen zu lassen.
Solange der tatsächliche Einfluss
der Zuckermessung auf die Leistung
der Sportler noch nicht einwandfrei
erforscht ist, könnte sich ausgerechnet
das Verbot durch den Weltradsport-
verband UCI als Glücksfall für Super-
sapiens herausstellen. Der Bann
scheint schließlich die Wirksamkeit
der Zuckermonitore zu belegen. Und
ein verbotenes Hilfsmittel übt viel-
leicht auf einige Sportler sogar einen
ganz eigenen Reiz aus.

Unterhautfettgewebe
Messgerät Sensor


mg / dL 
mg / dL

Fällt der Zuckerwert
rasch ab, wird der
Sportler gewarnt
und kann rechtzeitig
vor einem Leistungs-
abfall reagieren und
kohlenhydrathaltige
Nahrung einnehmen.

Der Sensor misst
den Gewebezucker-
wert im Unterhaut-
fettgewebe.
Die Daten werden
ausgewertet und
via Bluetooth
an das Smartphone
oder die Smartwatch
übermittelt.übermittelt.übermittelt.

Alarm im Arm


Gewebezucker-
messung im
Ausdauersport

Hilmar Schmundt n

Triathlet Frodeno
beim Einsetzen
eines Sensors:
Training des
Bauchgefühls

Felix Rüdiger
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