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FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG Reiseblatt DONNERSTAG, 7. NOVEMBER 2019
Im Kopenhagener Restaurant
„Alchemist“ werden die Grenzen
der Kulinarik ausgetestet. Seite 2
Ein Deutschland-Porträt in hundert
ungewöhnlichen Bildern und
andere Bücher für die Reise. Seite 4
Schaukel-Spagat: Ein Kinderhotel
in Südtirol will Luxus und Familien-
freundlichkeit verbinden. Seite 3
Auf den Spuren von Theodor
Fontane: Franziska Strauss foto-
grafiert den Spreewald. Seite 6
Laboratorium Refugium Panoptikum Elysium
D
as vermutlich letzte Mal, dass
dieRepublik Moldau auf sich
aufmerksam gemacht hat,
war im Jahre 2004, als ein
Sommerhit mit dem sehr poe-
tischen Titel „Dragostea din tei“ (zu
Deutsch: „Liebe aus dem Lindenbaum“)
sich wochenlang in die Gehörgänge Rest-
europas bohrte. Seitdem ist es still gewor-
den um die Boyband O-Zone, aber auch
um die kleine Republik im Osten Euro-
pas, der ab und zu Teilrepubliken abhan-
denkommen, Transnistrien etwa. Andere
entscheiden sich dann doch wieder um,
wie es Gagausien tat, von dem auch wirk-
lich noch nie ein Mensch jemals gehört
hat. Der Staat Moldau liegt übrigens nicht
an dem tschechischen Fluss Moldau, son-
dern nur früher einmal an der heute rumä-
nischen Moldova, von der sich das Fürs-
tentum Moldau ableitete. Die Republik
Moldau liegt auch nicht am Schwarzen
Meer, sondern nur ganz knapp davor,
denn die Küste haben die Nachbarn Ru-
mänien und Ukraine unter sich aufgeteilt,
so dass dem landschaftlich eher unspekta-
kulären Staat nicht einmal ein eigener Zu-
gang zum Strand gewährt ist.
Wir erreichen Moldau von Süden her.
In Galati in Rumänien setzen wir mit der
Autofähre über die Donau, dann sind es
nur noch ein paar Kilometer bis zur Gren-
ze. Rumänische Dörfer unterscheiden
sich nicht wesentlich von moldauischen
Dörfern, auch die Sprache ist gleich. Nied-
rige, wellblechgedeckte Häuser ziehen
sich an der Straße entlang, drum herum
windschiefe Holzzäune, kittelbeschürzte
Frauen tragen Kopftücher. In einem
Teich streiten sich ein paar Schwäne her-
um, seltsam hoheitsvolle Tiere für so ei-
nen bescheidenen Ort. In Valeni halten
wir bei einer Bäuerin, die Touristen mit
rustikalen Mahlzeiten bekocht. Es gibt
Suppe, Geschmortes in Tontöpfen und
selbstgekelterten Rotwein, denn wer
nicht selbst keltere, sei eigentlich gar kein
richtiger Moldauer, sagt man.
Wir befinden uns in einer ländlichen
Gegend, in der die touristische Infrastruk-
tur vor allem daraus besteht, dass tatkräf-
tige Frauen in Hof und Scheune ein paar
Tische und Bänke aufgestellt haben und
im großen Stil kochen. Auch wenn die Be-
sucherzahlen des Landes ganz ordentlich
nach oben gehen, liegen sie immer noch
in einem bescheidenen fünfstelligen Be-
reich. Moldau, so liest man oft, zählt zu ei-
nem der unbeliebtesten Reiseländer der
Welt. Vor allem Rumänen und Ukrainer
kommen auf einen Sprung über die Gren-
ze, die Deutschen haben sich immerhin
schon auf den dritten Platz vorgeschoben.
Erst seit kurzem gibt es ein offizielles Tou-
rismuskonzept mit Corporate Design und
Slogan. Die kochende Bäuerin in Valeni
ist so stolz darauf, dass sie die Betonmau-
er an der Zufahrt zu ihrem Grundstück
entsprechend bemalt hat: „Discover the
routes of life“ ist darauf zu lesen, der offi-
zielle moldauische Werbespruch und das
Lebensbaummotiv, das sich von einem
Textilmuster ableitet.
Unser Ziel für den Abend ist Komrat,
die Hauptstadt der Autonomen Territoria-
len Einheit Gagausien, wie das Gebiet of-
fiziell heißt. Hier leben die Gagausen, ein
Turkvolk, weshalb neben Rumänisch
auch das dem Türkischen ähnliche Gagau-
sisch gesprochen wird und außerdem Rus-
sisch. Alle drei Sprachen sind als Amts-
sprache anerkannt.
Natürlich haben die Gagausen auch
eine hinreichend verworrene Geschichte.
Der seldschukische Sultan Izzedin Keyka-
vus – von seinem Namen leitet sich Gag-
ausien ab – hatte im Jahr 1261 genug von
den ständig in seinem Anatolien einfallen-
den Mongolen und bat den byzantini-
schen Kaiser Michael VIII. um ein Lehenin einem etwas ruhigeren Eckchen seines
Reiches. Mit einigen Sippen, die sich ihm
unterwegs angeschlossen hatten, besiedel-
te er die Region Dobrudscha in der heuti-
gen Grenzregion von Rumänien und Bul-
garien und gründete einen Staat, der sich
bald wachsender Beliebtheit erfreute.
Man verbündete sich mit Byzanz, viele
Untertanen nahmen die griechisch-ortho-
doxe Religion an. Man siedelte fröhlich
durch die osmanische Herrschaft hin-
durch, bis im achtzehnten und neunzehn-
ten Jahrhundert plündernde Banden den
Gagausen das Leben schwermachten. Sie
zogen weiter nach Norden ins nun russi-
sche Bessarabien, das 1940 sowjetisch
wurde und sich Moldawija nannte, und
siedeln dort bis heute.
Ein wenig holprig vollzog sich der Sta-
tus der Teilrepublik nach dem Zerfall derSowjetunion. Im Jahr 1990, nachdem
eine ultranationalistische Partei in Mol-
dau die Wahlen gewann, die mit den Be-
findlichkeiten der Minderheiten im Land
nicht eben zartfühlend umsprang, spalte-
te sich Gagausien ab und ernannte Kom-
rat zu seiner Hauptstadt. Zwei Wochen
später erklärte sich auch Transnistrien im
Norden Moldaus für unabhängig. Im Jahr
1994 kam es zur Wiedervereinigung Gag-
ausiens mit Moldau als autonome Repu-
blik mit ein paar Sonderrechten, etwa ei-
nem regionalen Parlament. Seitdem le-
ben 147 000 Gagausen relativ friedlich in
Moldau und unterhalten außerdem
freundliche Verbindungen nach Russland
und in die Türkei. Im Zentrum von Kom-
rat steht eine große quietschgelbe Kathe-
drale mit glänzendem Golddach, die hat
Putin bezahlt. Drum herum erstreckt sicheine äußerst gepflegte Parkanlage mit
Bänkchen und Laternchen und Brünn-
chen, die hat Erdogan bezahlt. Und auch
sonst mutet die Stadt ganz adrett an. Wie
überall in Moldau gibt es eine Filiale von
Andy’s Pizza, was seltsamer klingt, als es
ist. Bei dieser Kette gibt es tatsächlich äu-
ßerst anständiges Essen zu annehmbaren
Preisen, wenn man nicht beim örtlichen
Dönerladen stranden will. In Sachen Cui-
sine ist die moldauische Provinz leider
noch etwas lückenhaft ausgestattet.
Kaum trete ich vor die Hoteltür, schon
sehe ich Menschentrauben den Hügel hin-
aufpilgern, einige in Uniform mit Instru-
menten unterm Arm. Ihr Ziel ist das Krie-
gerdenkmal, ein großer weißer Steinsol-
dat, der Mantel und Hände schützend vor
und um eine große weiße Steinfrau legt.
Am Tag unserer Ankunft in Komrat gibtes Großes zu feiern, nämlich den Sieg der
sowjetischen Armee über das faschisti-
sche Deutschland. Wer noch irgendwo ei-
nen Fetzen Flecktarn im Schrank hat, der
trägt ihn heute voller Stolz, auch andere
Uniformteile werden gerne übergestreift,
um die Verbundenheit mit dem Bruder-
volk Russland zu zeigen. Einige haben
gleich ihre ganzen Familien uniformiert
und drücken den Kindern fürs Familienfo-
to Gewehre in die Hand. Zur Feier des Ta-
ges gibt es ungewürzten Buchweizen aus
der Gulaschkanone, dazu Wodka und
Brot für alle. Es herrscht ausgelassene
Volksfeststimmung.
Dann beginnt die Show. Auf einer Lein-
wand sieht man junge Soldaten in den
Krieg ziehen, Mütter weinen, danach
Schwarzweißaufnahmen von Belagerun-
gen, Angriffen und Heldentaten. Dazuwerden die Künstler eingeblendet. Kin-
der, junge Frauen, Männer, wahrschein-
lich Komrater Musikschüler, singen Lie-
der, in denen ich nur „Soldat“ und „Batail-
lon“ verstehe, aber das kommt dafür dau-
ernd vor. Abwechselnd klingt das angriffs-
lustig, wenn die Soldaten auf der Lein-
wand kämpfen, dann wieder sehnsüchtig,
wenn die Mütter weinen, dann sagt wie-
der ein Kind voller Inbrunst ein Gedicht
auf, oder junge Uniformmädchen tanzen
in knappen grünen Röcken zu russischem
Militärfolktechno. Ein Lied über die „Par-
tisani Moldowani“, auch wichtig, dann
noch ein Gedicht. Man muss sich das vor-
stellen wie einen European Song Contest
ohne Trickkleider, dabei episch wie Krieg
und Frieden und mit ähnlichem Personal-
aufwand. Zweiter Weltkrieg, ein Spaß für
die ganze Familie.
Zwischendurch gibt es auf der Groß-
leinwand eine Live-Schalte nach Moskau,
wo Wladimir Putin offenbar einen ähnli-
chen Marathon absolviert wie wir hier.
Dann wieder Krieg, dann wieder Belage-
rung, dann wieder Mütter. Nach etwa drei
Stunden geht das Ganze arg an die Sub-
stanz. Der Buchweizen hält nicht eben
lange vor, es wird kühl, und eine Toilette
wäre auch nicht schlecht, also überlasse
ich die Gagausen ihrem Siegestaumel und
laufe ins Hotel zurück, in dessen Restau-
rant schon die Hähnchenteile kreisen.
Von Ferne höre ich noch die Militärkapel-
le bei ihrem wahrscheinlich auch schon
fünfundzwanzigsten Einsatz an diesem
Abend.A
m nächsten Tag fahren wir an
einemder vielen Betonmonu-
mente vorbei, dieses spezifi-
sche hier weist entgegenkom-
mende Autos darauf hin, dass
sie nun „Gagauziya“ betreten, wir hinge-
hen wissen, dass wir nun Kernmoldau be-
treten. Besonders groß sind die Entfer-
nungen nicht gerade. Gagausien ist etwa
0,7 Saarland groß, ganz Moldau nur 13,1
Saarland, das entspricht grob der Hälfte
von Bayern. Dafür keltert Moldau mehr
Wein als Deutschland. Früher einmal wur-
de hier der Wein für die gesamte Sowjet-
union angebaut, aber mit Russland steht
der Staat inzwischen auf keinem so guten
Fuß mehr, was ansatzweise auch mit den
wegbröselnden Teilrepubliken zu tun hat,
die der Großmacht wiederum sehr zuge-
tan sind. Seitdem versucht Moldau, den
Wein woanders zu verkaufen, in Europa
zum Beispiel, was nur mittelgut gelingt.
Auf einem Kontinent, der bereits mit
Frankreich, Italien, Spanien, Deutsch-
land und Österreich in Sachen Weinlagen
ziemlich gut versorgt ist, kommt man al-
lerhöchstens mit einem Exotenbonus wei-
ter. Wer alles schon kennt, greift viel-
leicht auch einmal zum Dnestrowskoje.
Der unbekannte moldauische Wein ist üb-
rigens das, wofür Moldau noch am ehes-
ten bekannt ist, vom ganzen Rest hat man
noch viel weniger gehört.
Hauptsehenswürdigkeit dieses an Se-
henswürdigkeiten eher armen Landes ist
das Staatsweingut Mileştii Mici. Schon
der Eingang sieht aus wie eine ungute
Kreuzung aus Brutalismus und rustikaler
Weinkellerarchitektur. In zwei riesigen
Steinbrunnen läuft Weiß- und Rotwein in
riesige Weingläser, sie sind anscheinend
das beliebteste Selfiemotiv weit und breit.
Der Untergrund besteht aus einem ver-
schachtelten Gangsystem von zweihun-
dertfünfzig Kilometern Länge, etwa ein
Fünftel davon wird derzeit genutzt. Man
kann mit Autos und Bussen problemlos
hineinfahren, die Straßen sind nach Reb-
sorten benannt. Damit man die Orientie-Fortsetzung auf Seite 3
Familienaufstellung mit Maschinenpistole: In Komrat in der Republik Gagausien wird das Ende des Zweiten Weltkriegs gefeiert. Foto Andrea Diener
Gagausen im Siegestaumel
Die Republik Moldau steht als Reiseziel eher nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.
Doch das kleine Land am Rande Europas verdient allemal einen Besuch. Denn es ist grün,
gastfreundlich und alles andere als überlaufen. Von Andrea Diener
JostVanDyke
St.-Barthélemy
Portsmouth
Bequia MarigotBay
Mayreau Barbados
St. George’s
ScarboroughIslas Los RoquesCuraçaoCockburn TownBah
amas
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