Beobachter - 30.08.2019

(Jeff_L) #1
FOTO: ERZ

W


er je einen Emu tanzen sah, wird das
Bild dieser zuckenden Trauerweide
so schnell nicht mehr los. Die dürren
Beine schlagen derart wirr und ungelenk aus,
dass der ausladende Hintern des Federviehs
ebenso erzittert wie die schüttere Punkfrisur.
Ihre Tanzkünste konnten die drei
Emu-Männchen und zwei Emu-Weibchen
jüngst auf dem Gelände des früheren Klärwerks
in Opfikon beweisen. Ihr Gehege liegt in der Ge-
gend des Schweizer Fernsehens und des Zürich
Openairs, wo die Chemical Brothers kürzlich
ihren Hit «Free Yourself, Free Me, Dance!»
(Befreie dich, befreie mich, tanze!) spielten.
Seit 2012 leben und brüten die mannshohen
Vögel auf dem Gelände von Entsorgung und
Recycling Zürich (ERZ), dem Stadtzürcher
Abfallentsorger. Öffentlich bekannt wurde ihre
Existenz aber erst durch einen Skandal. Der
Chef des Abfallwesens hatte Millionen von
Franken an Steuergeldern für Oldtimer aus-
gegeben und einen Garten für die Emus anlegen
lassen. Zudem beschäftigte er jahrelang seine
Hausärztin als Betriebsärztin. Ihr Lohn war auf
ein Vollpensum gerechnet fast doppelt so hoch
wie jener der Stadträte, die den spendablen
Chef hätten kontrollieren sollen. Irgendwann
wurde der Chef fristlos entsorgt.

Die Emus blieben, es ist seit Monaten unklar,
was das Schicksal mit ihnen vorhat. Das jüngste
Tier ist etwa fünf, es schlüpfte in Opfikon und
kann noch problemlos 30 weitere Jahre Gräs-
lein ausrupfen. 7500 Franken im Jahr kostet das
Futter, alle zwei Jahre kommen 200 Franken
hinzu für die Kontrolle durchs Veterinäramt.

Alleinerziehende Männchen. Damit kein wei-
terer Vogel mehr schlüpft, nimmt man den
Männchen die 5 bis 15 dunklen grünblauen
Eier weg, die eine Emu-Dame jedes Jahr legt.
Bei den Emus brüten die Herren. Sie sind alle-
samt alleinerziehend und schützen ihre Brut
mit ihren scharfen Zehenkrallen. Im Zürcher
Zoo freuen sich die Nasenbären über die 500
Gramm schweren Eier, und die Schmutzgeier.
Sie nutzen Steine, um die Eier aufzuschlagen.
Das erste Emu-Paar war 2012 vom Zürcher
Zoo in den Garten in Opfikon gebracht worden.
Doch zurücknehmen will der Zoo die fünf
Emus nicht, die Anlagen des ERZ böten «sehr
gute Haltungsbedingungen». Wenn sich kein
neuer Halter für die neugierigen Vögel mit den
wachen Augen und dem flinken Schnabel
findet, dann werden sie wohl auf dem Teller
landen, als Steak, Gulasch oder Burger. Wie
in ihrer Heimat Australien. RENÉ AMMANN

«Tages-Anzeiger»,



  1. August 2019:
    «Die Bewälti-
    gung des
    ERZ-Skandals
    zieht sich hin.
    Zumindest was
    die seltsamsten
    Auswüchse
    angeht: das
    Emugehege und
    das Oldtimer-
    museum.»


OPFIKON ZH. Fünf Emus, teuer restaurierte Abfallwagen und viele offene Fragen


sind das Erbe aus der Zeit schwarzer Kassen beim Zürcher Abfallentsorger ERZ.


Mehr als ein Vogel


NACHLESE


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die Opfiker Emus
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