FOTOS: TIM GROOTHUIS/WITTERS; CHRISTAIN EWERS/STERN; FOTOSTANDNicht nur der Pfarrer in der katholischen
Kirche St. Joseph in Gelsenkirchen ist
Schalke-Fan, auch die Heiligen sind es.
Durch ein Fenster aus Bleiglas, rechts im
Kirchenschiff, leuchtet der Heilige Aloisius
von Gonzaga auf die Gemeinde herab. Aloi-
sius trägt Stutzen und führt einen blau-
weißen Ball am Fuß. Zwar hat Aloisius den
FC Schalke nie kennengelernt, da er mehr
als 300 Jahre vor Vereinsgründung in Rom
starb, aber das schützte ihn nicht davor,
nachträglich zu einer Art Ehrenmitglied
erklärt zu werden.
Der Fußball zieht hier alle in seinen Bann.21 000 Menschen leben im Gelsenkirche-
ner Stadtteil Schalke, eingegrenzt von zwei
Bahntrassen und der A 42. An den Wochen-
enden, wenn der FC Schalke ein Heimspiel
hat, verwandelt sich die zentrale Kurt-
Schumacher-Straße in eine Festmeile. Bis
zu 10 000 Schalke-Anhänger aus ganz
Deutschland feiern hier schon vor dem
Anpfiff. Dann werden die Eingangstore der
alten Glückauf-Kampfbahn aufgeschlos-
sen, jenes Stadions, in dem Schalke 1958 sei-
ne letzte Deutsche Meisterschaft gewann.
Und die Fans stehen da in ihren königs-
blauen Trikots, wie hingetupft auf das
Grün der mit Rasen überwachsenen Steh-
plätze, besingen die großen, alten Zeiten
und schwören ewige Treue. Einmal Schal-
ker, immer Schalker.
Der Ruhrpottklub und seine Fans, das
war immer viel mehr als nur Leidenschaft,
mehr auch als Liebe – nicht wenige Fans
sagen, Schalke sei eine Religion für sie.
Doch nun ist etwas kaputtgegangen.
Die blau-weiße Glaubensgemeinschaft ist
tief gespalten, und die Frage, ob dieser Riss
je wieder zu kitten ist, treibt die Fans des
FC Schalke um, des mit 158 000 Mitgliedern
zweitgrößten deutschen Klubs nach dem
FC Bayern.
Manfred Beck, 68, steht in einem hellen
Ladenlokal in der Kurt-Schumacher-Stra-
ße 112. Das ist das Vereinsheim des Fanklubs
„Anno 1904“, den Beck als Vorsitzender
führt. Eigentlich hat das Vereinsheim nur
an Spieltagen geöffnet, aber jetzt ist Beck,
der ehemalige Stadtdirektor von Gelsen-
kirchen, auch unter der Woche hier. Es sind
besondere Zeiten. „Wir sind im Ausnahme-
zustand“, sagt Beck.
Der dauert bereits seit dem 1. August an.
Es war der Tag, als sich Schalkes Aufsichts-
ratschef Clemens Tönnies bei einer Ver-
anstaltung in Paderborn herabwürdigend
über Afrikaner äußerte. Statt im Kampf
gegen den Klimawandel die Steuern zu er-
höhen, solle man besser jährlich 20 Kraft-
werke in Afrika finanzieren, sagt Tönnies.
Dann würden die Afrikaner „aufhören,
Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s
dunkel ist, Kinder zu produzieren“.
Er sei geschockt gewesen, als er von die-
sen Aussagen hörte, sagt Beck. „Das ist ein-
deutig rassistisch und fremdenfeindlich.
Das widerspricht den Werten, für die der
FC Schalke steht. Wir sind ein toleranter,
weltoffener Klub.“ Tönnies’ Entschuldi-
gung, die vier Sätze umfasste und via Twit-
ter verbreitet wurde, hält Beck für unzu-
reichend: „Da muss mehr kommen. Man
kann nicht einen ganzen Kontinent belei-
digen und sich dann mit ein paar dürren
Worten aus der Affäre ziehen wollen.“
Doch so sehen es längst nicht alle in der
Fangemeinde. Das hat Beck auf dem Fami-lien- und Fanfest des Vereins zur Saison-
eröffnung zu spüren bekommen. Es habe
hitzige Diskussionen gegeben, erzählt Beck:
„Die eine Hälfte sagt: Es darf nicht sein,
dass unser Boss rassistische Parolen loslässt
in der Öffentlichkeit. Die andere Hälfte
sagt: Er hat sich entschuldigt. Schwamm
drüber.“
Die Tönnies-Kritiker sind derzeit die
lauteren unter den Schalke-Fans. Beim
DFB-Pokalspiel am 10. August gegen den
Regionalligisten SV Drochtersen/Assel
zeigten die Anhänger dem Aufsichtsrats-
chef die rote Karte – in Form von Hun-
derten kleinen Plakaten. Damit war der
Anstoß für eine Debatte gegeben, die die
Anhängerschaft bis heute in Wallung hält.
Es geht um eine Überprüfung der eige-
nen Haltung: Wie weit darf die Loyalität zu
einem Verein gehen, wenn dessen Boss
gegen die Werte einer offenen und vor-
urteilsfreien Gesellschaft verstößt? Soll
man sich in diesem Fall von seinem Klub
des Herzens verabschieden? Oder eher von
seinen eigenen Moralvorstellungen? Ande-
rerseits: Wenn sich jemand entschuldigt –
muss man ihm nicht verzeihen? Ist Nach-
sicht nicht auch Ausdruck von Toleranz?
Klaus Peter, 83, hält zu Tönnies. Peter ist
Fan seit den 50er Jahren, seine Mutter war
einst Kugelstoßerin bei Schalke 04, so kam
er in den Verein. Er hat „dem lieben Cle-
mens“ einen Brief geschrieben. Im Namen
des Fanklubs „Kuzorra’s Enkel“, dessen
Alterspräsident er ist, schrieb er: „Wir ste-
hen an Deiner Seite.“ Tönnies habe dem
Klub so viel Gutes getan, da verböten sich
Empörung und Proteste: „Die sogenannten
Fans, die die Plakate in Drochtersen aufge-N
Rote Karte gegen den
eigenen Boss: Schalke-
Fans beim Pokalspiel
am 10. August98 22.8.2019