Das Goldene Blatt - 29. Juli 2019

(Jeff_L) #1

Bitte umblättern!


gleich mit der Wahrheit herauszu-
rücken, und das tat sie jetzt auch.
„Mama ist gestorben, und ich weiß
immer noch nicht, wer mein Vater
ist. Jetzt suche ich nach ihm. Ich
habe erfahren, dass Sie mehr als
nur ein Klassenkamerad für meine
Mutter waren, und ich finde, wir
sehen uns ähnlich ...“ Sie ließ den
Satz bedeutungsvoll im Raum
schweben und sah ihn fest an.
Einen Moment lang wirkte er
fassungslos und wusste ganz offen-
sichtlich nichts zu antworten. Doch
dann lachte er plötzlich. „Das ehrt
mich sehr. Ich meine, dass Sie an-
nehmen, ich könnte Ihr Vater sein.
Aber Gabi wollte leider nichts von
mir wissen. Soweit ich mich erin-
nere war sie ein wenig in unseren
Lehrer Friedolin Ansmann ver-
knallt. Und Martin Franke hing
auch ständig an ihren Fersen.“
Dass er den Namen Ansmann ins
Spiel brachte, jagte Svenja einen
Stich ins Herz. „Sie hatten also kei-
ne Liebesbeziehung – Sie und mei-
ne Mutter?“, hakte sie nach.
„Nein.“ Er schüttelte den Kopf.

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Enttäuscht stand sie auf. „Tja,
ich hatte gehofft ...“ Sie rang sich
ein Lächeln ab und reichte ihm die
Hand. „Tut mir leid, dass ich Ihre
Zeit in Anspruch genommen habe.“
„Ich hatte ohnehin gerade nichts
zu tun.“ Auch er lächelte. „Wenn
Sie mir Ihre Adresse geben, melde
ich mich bei Ihnen, falls mir noch
etwas dazu einfallen sollte.“
„Svenja reichte ihm ihre Visiten-
karte, die er eingehend betrachtete.
„Sie sind Raumausstatterin?“
„Ja. Ich bin selbstständig, habe
ein eigenes kleines Geschäft.“

Rudolph Forster nickte. „Gabi
war auch außerordentlich begabt
in solchen Dingen“, sagte er leise.
„Ach, daran erinnern Sie sich
noch?“, staunte Svenja.
„Klar. Sie hat das Bühnenbild zu
diesem Theaterstück entworfen.
‚Der kaukasische Kreidekreis‘ von
Bertold Brecht. Das haben wir im
Deutsch-Leistungskurs erarbeitet
und zur Abiturfeier aufgeführt. Ich
habe den Richter gespielt.“
Svenja hatte von dieser Auffüh-
rung eine Menge Fotos im Album
ihrer Mama gesehen. Das war wohl
ein besonderes Ereignis gewesen.

Der Abend mit Joris


fand ein sehr bitteres


Ende für Svenja


Joris Ansmann holte sie am
Abend zu der Vernissage ab. „Du
wirst eine Menge potenzieller Kun-
den kennenlernen“, begrüßte er sie.
„Aha, und nur deshalb hast du
mich eingeladen?“ Mit blitzenden
Augen sah sie ihn an.
„Selbstverständlich. Oder wüss-
test du einen anderen Grund?“
„Nö“, antwortete sie im selben
Ton, und sie lachten beide.
Es wurde ein schöner Abend mit
einem bitteren Ende. Denn als er
sie nach Hause brachte, küsste er
sie. Es war ein wunderschöner,
Kuss, zärtlich und voller Leiden-
schaft. Der Wunsch flammte in ihr
auf, mehr aus diesem Kuss werden
zu lassen. Doch kaum gedacht,
meldete sich ihr Unterbewusstsein
und katapultierte sie grob auf den
Boden der Tatsachen zurück.
„Ich muss dir zuerst etwas ge-
stehen, Joris“, begann sie zögernd.

Seine Hand fuhr unter ihr Haar,
fühlte sich weich und warm in ih-
rem Nacken an. „Jetzt schon ein
Liebesgeständnis?“ Er lächelte.
Sie schüttelte den Kopf, griff
nach seinem Arm und zog ihn zu-
rück. „Ich habe dich nicht zufällig
kennengelernt. Es tut mir leid. Es
ist so ... es könnte sein, dass wir
Halbgeschwister sind.“
Sein Blick verfinsterte sich. Er
versuchte das auf die Reihe zu be-
kommen. „Du meinst, mein Vater
hätte Deine Mutter, seine Schüle-
rin, geschwängert? Wie kommst du
nur auf so eine wahnwitzige Idee?“
Während sie es erklärte, gefror
das Strahlen seiner Augen, wurde
so kalt, dass es sie schmerzte. „Ver-
steh doch!“, versuchte sie ihn zu
beschwichtigen, als er ihr antrug,
augenblicklich auszusteigen.
„Nein, ich verstehe nicht. War-
um hast du nicht einfach meinen
Vater gefragt? Stattdessen machst
du dich feige an mich heran!“
„Ich wollte ja zu ihm. Da kamst
du aus dem Haus. Es hat sich so
ergeben ... es tut mir leid!“
„Geh bitte jetzt“, fuhr er sie an.
Und als sie die Tür geöffnet hatte,
setzte er scharf hinzu: „Ich versi-
chere dir, er ist nicht dein Vater.“
Zu Hause begann sie bitterlich
zu weinen. Sie fand kaum Schlaf
in dieser Nacht. Tausend Gedanken
und noch mehr Fragen kreisten in
ihrem Kopf. Warum nur war sie auf
diese hirnrissige Idee gekommen,
nach ihrem Vater zu suchen? War-
um hatte sie sich ausgerechnet in
Joris verliebt? Warum musste ihre
Mutter so früh sterben? Sie war
doch der einzige Mensch, der ihr
wirklich etwas bedeutet hatte!
Schließlich beschloss sie, die
Suche nach ihrem Vater aufzuge-

en Vater kennenlernen

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