Das Goldene Blatt - 29. Juli 2019

(Jeff_L) #1

ben und fiel endlich in einen blei-


ernen Schlaf. Doch am nächsten


Morgen, bei einer Tasse Kaffee,


dachte sie wieder anders darüber.


Da war noch ein Hoffnungsschim-


mer! Wenigstens Martin Franke


wollte sie sich noch ansehen.


Von Birgit wusste sie, dass seine


Eltern ein Logistik-Unternehmen


leiteten und schwerreich waren.


Über solche Leute ließ sich im


Internet etwas herausfinden. Und


sie wurde auch gleich fündig.


Martin hatte einen Bruder und

eine Schwester, die beide im elter-


lichen Unternehmen arbeiteten.


Martin Franke hingegen schien auf


die schiefe Bahn geraten zu sein.


Sie fand einige wenig erbauliche


Zeitungsschlagzeilen über ihn:


Jüngster Sohn des erfolgreichen


Unternehmers Konrad Franke hat


Fahrerflucht begangen! – Martin


Franke mit Drogen erwischt! –


Sohn einer der reichsten Familien


Deutschlands ein Drogendealer?


̈


Svenjas Mut sank. Sollte ausge-


rechnet so eine zwielichtige Ge-


stalt ihr Vater sein? Und wenn ja,


wollte sie es dann wissen?


Ein paar weitere Nächte mit un-


ruhigem Schlaf folgten, dann be-


schloss Svenja, der Sache doch auf


den Grund zu gehen. Wenn der


Straftäter Martin Franke ihr Vater


war, dann wollte sie wissen, wie


das passieren konnte. Es war leicht,


einen Menschen zu verurteilen,


viel schwerer fiel es, zu verzeihen.


Als sie über diesen Satz nachdach-


te, fiel ihr Joris wieder ein, und ihre


Augen füllten sich mit Tränen.


Sie fuhr zu Martin Frankes Ad-


resse aus Birgits Liste, doch dort


wohnte er nicht mehr. Und wo er
hingezogen war, wusste keiner sei-
ner ehemaligen Nachbarn.
Sie erwog, mit jemandem aus
seiner Familie in Kontakt zu treten,
doch so leicht würde sie weder an
seinen Bruder noch an seine
Schwester herankommen. Und
falls doch, was sollte sie dann sa-
gen? Ich glaube, Ihr Bruder könn-
te mein Vater sein? Wie käme das
wohl an bei einer so schwerreichen
Familie? Die würden sie doch für
eine Erbschleicherin halten!

Der letzte der drei


Kandidaten war


schwierig zu finden


Fast hätte Svenja aufgegeben, da
fiel ihr Margot Berlin ein. Margot
war Journalistin, ihr Mann Radio-
moderator bei einem privaten Sen-
der. Die beiden wussten, wer wann
und wo ein und aus ging.
Svenja rief Margot an. „Kannst
du mir sagen, wo ich Martin Fran-
ke treffen könnte? In irgendeinem
Club zum Beispiel?“
„Warum interessierst du dich für
so einen?“, fragte Margot erstaunt.
„Er war mit meiner Mutter in der
Schule. Eine aus ihrer Klasse sucht
nach ihm. Sie hat bei mir gefragt.“
„Den Typ kann sie am ehesten
im ‚Smart‘ antreffen“, sagte Mar-
got in leicht abfälligem Ton.
Svenja kannte den Club nicht.
Rote Plüschmöbel und Technomu-
sik, ein DJ aus London legte auf.
Sie bestellte einen alkoholfreien
Cocktail und setzte sich an die Bar.
Von hier aus hatte sie den besten
Überblick. Martin Frankes Gesicht
hatte sie sich so intensiv einge-

prägt, dass sie es auch im Schum-
merlicht erkennen würde. Doch sie
entdeckte keine Spur von ihm!
Als sie schon nach Hause gehen
wollte, kam er plötzlich die Treppe
runter. Er sah sich kurz um, ging
dann zur Bar und bestellte einen
Wodka, den er kippte.
Es war wohl nicht der erste
Drink, den er sich heute gegönnt
hatte. Sein Gesicht war gerötet, er
wankte leicht. Als das Paar, das
zwischen ihnen gestanden hatte,
zur Tanzfläche ging, fiel sein Blick
auf sie. „Na, Mädel?“ Er rückte
näher. „Einsam heute Nacht?“
„Ich bin nicht einsam“, entgeg-
nete sie. „Und auch nicht allein.
Meine Freundin tanzt gerade.“
„So, deine Freundin tanzt.“ Er
lachte und fasste sie um die Taille.
„Na, vielleicht willst du ja auch
tanzen?“ Seine Lippen wären auf
ihrem Mund gelandet, hätte sie den
Kopf nicht schnell weggedreht.
„Nein, will ich nicht.“ Svenja
befreite sich aus seiner Umarmung.
Sie warf ihm einen wütenden Blick
zu. Doch mehr noch als über ihn
ärgerte sie sich über sich selbst.
Was hatte sie sich denn vorgestellt,
als sie hierherkam und hoffte, ihn
kennenzulernen? Dass sie ein
ernsthaftes Gespräch führen wür-
den? Oder dass sie herausfinden
konnte, wo er jetzt lebte, um ihn
unter anderen Umständen zu tref-
fen? Seine Nähe war ihr unange-
nehm. Und überhaupt konnte sie
auf einen Vater wie ihn verzichten.
Sie rutschte vom Barhocker und
ging. Auf der gegenüberliegenden
Straßenseite standen Taxis. Sie ließ
sich nach Hause bringen. Die Mis-
sion Vater gesucht ist gescheitert,
dachte sie bitter und beschloss, es
ein für alle Mal gut sein zu lassen.

Der große abgeschlossene


LIEBES-ROMAN Du solltest mei nen V

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