Handelsblatt - 01.11.2019

(Brent) #1

Andreas Wiele: Der Manager steht künftig in
Diensten des US-Finanz investors KKR.


dpa


Andreas Wiele


Springer-Vorstand


wechselt zu KKR


BERLIN Der Medien-
konzern Axel Springer
verkleinert seinen Vor-
stand von fünf auf vier
Mitglieder. Andreas
Wiele wird Ende Mai
2020 nach fast 20 Jah-
ren sein Vorstands-
mandat aufgeben und
aus dem Konzern aus-
scheiden, wie das Me-
dienhaus am Donners-
tag in Berlin mitteilte.
Darauf hätten sich der
Aufsichtsrat und Wiele
im gegenseitigen Ein-
vernehmen verstän-
digt. Der 57-Jährige
werde im kommenden
Jahr für den US-Fi-
nanzinvestor Kohlberg
Kravis Roberts (KKR)
tätig. KKR will bei
Springer einsteigen, so
soll das Wachstum im
Digitalen vorangetrie-
ben werden.


Die Übernahme von
mehr als 40 Prozent
der Springer-Aktien
steht aber noch unter
dem Vorbehalt von
Kartellfreigaben.
Wiele verantwortete
seit Oktober 2000 als
Mitglied im Axel-
Springer-Vorstand
zahlreiche Ressorts.
Seit 2014 ist er Vor-
stand für das Segment
Classifieds Media – al-
so Internet-Rubriken-
geschäfte, die für
mehr als 60 Prozent
des Konzernergebnis-
ses stehen. Springer-
chef Mathias Döpfner:
„Wieles uneinge-
schränkte Integrität
und immer wieder sei-
ne Offenheit, auch
mutig neue Wege zu
gehen, werde ich sehr
vermissen.“ dpa

Jan Mallien Frankfurt


A


ls Mario Draghi am Montag sei-
ne letzte Rede als EZB-Präsident
hält, bittet er seine Nachfolgerin
Christine Lagarde auf die Büh-
ne. Dann drückt er ihr eine gro-
ße Glocke in die Hand. Mit ihr soll Lagarde
für Ordnung sorgen, wenn sie die Sitzung des
EZB-Rats leitet und es hoch hergeht unter
den 25 Mitgliedern des Gremiums.
Lagarde wird die Glocke brauchen, sollte
die Stimmung so aufgeheizt bleiben wie zu-
letzt. So drängte Draghi kurz vor Ende seiner
Amtszeit die Notenbank Mitte September
noch einmal zu einer weiteren Lockerung
der Geldpolitik, und die Ratsmitglieder strit-
ten darüber so heftig wie lange nicht mehr.
Obwohl Lagarde die Niedrigzinsphase zu-
nächst fortführen will, hat sie bereits deutlich
gemacht, dass mit ihr ein anderer Stil bei der
EZB einkehren wird. Einen Vorgeschmack
darauf gab Lagarde bereits diese Woche, als
sie im Interview mit dem französischen Ra-
diosender „RTL“ Deutschland und die Nie-
derlande zu mehr Investitionen aufrief.
Bemerkenswert ist nicht die Forderung
selbst, sondern das Medium. Notenbanker
äußerten sich bisher kaum im Radio oder
Fernsehen. Als Mario Draghi den Tagesthe-
men einmal ein Interview gab, war dies eine
Ausnahme. Lagarde dagegen redete schon,
bevor sie am heutigen Freitag offiziell ihr Amt
antritt. „Ich betrachte es als eine meiner vor-
dringlichen Aufgaben, den Euro sowie die
Zentralbank und ihre Geldpolitik einer breite-
ren Öffentlichkeit nahezubringen“, sagte sie
kürzlich dem „Spiegel“.
Lagarde hat keine Scheu, sich klar auszu-
drücken. Schon als Wirtschafts- und Finanz-
ministerin Frankreichs setzte sie zwischen
2007 und 2011 darauf, politische Inhalte auf
klare Formeln zu bringen. Draghi hatte sich
in seinen Reden bewusst darauf konzentriert,
die Finanzmärkte anzusprechen – Anleihe-
händler, Analysten und Ökonomen. Er hatte
ihre Sprache gesprochen, denn sie sind der
entscheidende Übertragungskanal, um mit
der Geldpolitik die Unternehmen und die Re-
alwirtschaft insgesamt zu beeinflussen.
Draghi zog eine klare Grenzlinie zur Politik,
um die Unabhängigkeit der EZB zu gewähr-
leisten. Vor Kurzem warnte er: „Sobald man
das Publikum ändert, ändert sich auch die
Sprache, und man betritt neues Terrain: das
Terrain der Politik.“ Andererseits werden die
Zweifel immer lauter, ob diese Strategie über-
haupt noch durchzuhalten ist in Zeiten, in
denen die Geldpolitik zum Politikum gewor-
den ist – vor allem in Deutschland.
Wie sehr sich Lagarde zum Ziel gesetzt hat,
die Deutschen vom Kurs der EZB zu überzeu-
gen, zeigt ein Detail: Sie will jetzt Deutsch ler-
nen. Am kommenden Montag wird sie in Ber-
lin eine Laudatio auf Wolfgang Schäuble hal-
ten. Als der noch Finanzminister war, hatte
er Draghi vorgeworfen, seine Geldpolitik sei
für den Erfolg der AfD mitverantwortlich.
Schafft es Lagarde, die Zeit der Vorwürfe
und Anschuldigungen zu beenden? Leute,
die mit Lagarde zusammengearbeitet haben,
sagen, dass sie auf andere Leute zugehen

kann. Diese Fähigkeit haben Kritiker beim
scheidenden EZB-Präsidenten Mario Draghi
vermisst. Er traf wichtige Entscheidungen lie-
ber im kleinen Kreis. Der Beschluss zu einer
weiteren Lockerung der Geldpolitik im Sep-
tember trug dazu bei, den EZB-Rat tief zu
spalten. Mehrere Ratsmitglieder kritisierten
die Entscheidung öffentlich, darunter Bun-
desbank-Präsident Jens Weidmann.
Lagarde will ihre Kritiker stärker einbin-
den. „Ich suche immer nach der gemeinsa-
men Basis“, sagte sie jüngst. Viele Ökonomen
glauben, dass Mario Draghi mit dem Verspre-
chen, alles zu tun, um den Euro zu retten
(„Whatever it takes“), die Währungsunion vor
dem Kollaps bewahrt hat. Lagardes Aufgabe
wird es sein, den Rat zu einen – ohne aber
seine Handlungsfähigkeit zu gefährden.
An der Intelligenz und Disziplin von Lagar-
de wird das kaum scheitern. Schon als Teen-
ager schaffte sie es in die französische Natio-
nalmannschaft für Synchronschwimmen, be-
suchte diverse Eliteschulen. Als erste Frau
führte sie lange den Internationalen Wäh-
rungsfonds, kam mit so unterschiedlichen
Präsidenten wie Barack Obama oder Donald
Trump zurecht. Mitarbeit: Thomas Jahn

Die Persönlichkeit der Woche


Lagardes


Versprechen


Am heutigen Freitag wird Christine Lagarde EZB-Chefin. Die
Französin will die Kommunikation mit den Bürgern intensivieren.

Christine
Lagarde: Ihre
Strategie ist
nicht ohne
Risiko.

LUZphoto / fotogloria


Ich suche
immer nach
der
gemeinsa -
men Basis,
um die
verschiedenen
Meinungen
zusammen -
zubringen.
Christine Lagarde
neue EZB-Chefin

Wolfgang Colberg


Abgang nach


sieben Jahren


FRANKFURT Der Se-
nior-Berater des Fi-
nanzinvestors CVC,
Wolfgang Colberg,
hört zum Jahresende
auf. Nach fast sieben
Jahren bei einem der
größten Private-Equi-
ty-Häuser der Welt
zieht er sich zurück
und will sich künftig
auf seine Aufsichts-
ratsmandate konzen-
trieren. Viel zu tun hat
Colberg derzeit als
Aufsichtsrat bei Thys-
sen-Krupp, das Unter-
nehmen befindet sich
mitten im Umbau.
Eine der großen Leis-
tungen Colbergs war
der erfolgreiche Bör-
sengang von Evonik
Industries im April


2013 – er war damals
Finanzvorstand. Im
selben Jahr wechselte
der heute 59-Jährige
als Industrial Partner
zu CVC.
Der Finanzinvestor
CVC wird hierzulande
vom ehemaligen
Deutschlandchef von
Goldman Sachs, Ale-
xander Dibelius, ge-
führt. Während seiner
Zeit bei dem Beteili-
gungsunternehmen
leitete Colberg zu-
nächst als Firmenchef,
später als Chairman
die Unternehmenshol-
ding Chemical Invest,
in der Portfoliofirmen
aus dem Chemiebe-
reich gebündelt sind.
Robert Landgraf

Namen


des Tages


(^62) WOCHENENDE 1./2./3. NOVEMBER 2019, NR. 211

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