Die Zeit - 12.09.2019

(singke) #1
Thomas König auf dem E.on-Gelände in Essen

Foto: Michael Englert für DIE ZEIT; ddp (u.)

Der Transformator


E.on-Manager Thomas König könnte bald für das größte deutsche Stromnetz verantwortlich sein. Wenn die EU-Kommission ihn lässt VON RÜDIGER JUNGBLUTH


W


enn man ganz oben ange-
kommen ist in einem
Konzern, in dem Zehn-
tausende Menschen ar-
beiten, wenn man end-
lich Vorstand geworden
ist nach vielen Jahren, in
denen man immerzu der Beste sein musste, dann
will man diese Position nicht so schnell wieder
räumen. Ganz oben gibt es sehr viel Geld. Beim
Stromkonzern E.on wird die Arbeit eines Vor-
standsmitglieds mit mehr als zweieinhalb Millio-
nen Euro im Jahr vergütet. Aber es geht vor allem
darum, ein Lebenswerk zu vollenden.
Thomas König wurde im Juni 2018 in den Vor-
stand von E.on berufen, er ist dort zuständig für das
Stromnetz. Vielleicht bleibt er das ja auch. Doch es
könnte ihm mit 55 Jahren ebenso gut passieren, dass
er seinen Job verliert. Der Wandel in der Energie-
branche macht auch nicht halt vor den Managern,
die ihn selbst gestalten. E.on ist nämlich derzeit dabei,
den Konkurrenten Innogy zu übernehmen. Die
Genehmigung durch die Wettbewerbsbehörde der
EU-Kommission dürfte bald erteilt werden.
Durch die Übernahme würde sich der Essener
Stromkonzern, der bisher 30 Milliarden Euro pro
Jahr umsetzt, in seiner Größe mehr als verdoppeln.
Den Vorstandsvorsitz wird Johannes Teyssen haben,
der E.on bereits seit 2010 führt. Welche Manager die
anderen Vorstandsposten bekommen, entscheidet
der Aufsichtsrat, wenn die kartellrechtliche Geneh-
migung vorliegt. Bei der Auswahl der ersten Füh-
rungsebene unterhalb des Vorstands legt E.on Wert
auf Ausgewogenheit, die Hälfte der Führungskräfte
soll von Innogy stammen.


Ein halbes Jahr lag er als Jugendlicher nach
einem schweren Unfall im Krankenhaus


Frage an Thomas König: Wissen Sie schon, ob Sie
künftig noch dabei sein werden? Der Manager lacht
kurz und sagt dann: »Nein, das weiß ich nicht. Das
wird der Aufsichtsrat sicherlich bald entscheiden.«
Und wie lebt es sich mit dieser Unsicherheit? »Damit
kann ich gut umgehen. Ich konzentriere mich auf
die strategischen Weichenstellungen, die Vorberei-
tung der Integration von Innogy und die Auswahl
der Führungskräfte.«
Beim Gespräch in der E.on-Zentrale hört sich
König nicht so an, als mache er sich Sorgen um
seine Zukunft. Hat er eine Zusage, über die er noch
nicht reden kann? Oder ist dieser gradlinige Sauer-
länder einfach sehr selbstbewusst und denkt, dass es
ohne ihn gar nicht gehen wird?


König selbst hält sich für einen bescheidenen
Menschen, den das Leben Demut gelehrt hat. In
seiner Jugend war er ein guter Schüler und Sportler
(Fußball, Tischtennis, Schwimmen). Doch dann kam
der 10. Oktober 1981, ein Auto nahm ihm die Vor-
fahrt und holte ihn von seinem Kleinkraftrad. Das
rechte Bein des damals 16-Jährigen wurde gequetscht.
Wochenlang war unklar, ob er seinen Unterschenkel
würde behalten können. »Ich habe damals 183 Tage
liegend im Krankenhaus verbracht, sieben OPs, da-
nach acht Monate Krücken.« Die Menschen, die ihn
behandelt und gepflegt haben, hat er bis heute nicht
vergessen. »Vor dem Unfall dachte ich, die Welt ge-
hört mir. Dann habe ich gelernt, dankbar für das
scheinbar Selbstverständliche zu sein. Vor allem
meinen Eltern bin ich dankbar, die mich an 182 von
183 Tagen im Krankenhaus besucht haben.«
Thomas König ist ein umgänglicher Mann, offen,
unkompliziert und ohne Imponiergehabe. Er ver-
mittelt den Eindruck eines sehr beständigen Men-
schen. Mit seiner Ehefrau war er schon zu Studien-
zeiten zusammen. Er hat einen 19-jährigen Sohn und
eine 13-jährige Tochter. Manchmal nimmt er sie mit
zu Schalke-Heimspielen, eine seiner Leidenschaften.
König hat eine klassische Konzernkarriere hinter
sich. Er ist länger bei E.on, als es E.on überhaupt gibt.
1995 fing der promovierte Betriebswirt beim Veba-
Konzern im Beteiligungscontrolling an. Bald darauf
gehörte er zu dem kleinen Team, das die Fusion von
Veba mit dem Konkurrenten Viag heimlich vorberei-
ten sollte. »Wir sind damals zu zweit nach München
gefahren und haben uns weit von der Zentrale ab-
setzen lassen. Wir trugen keine Anzüge und betraten
das Gebäude durch den Hintereingang. Im kleinen
Kreis haben wir dann mit den Viag-Leuten die ersten
Zahlen ausgetauscht.«
Mit Anfang 30 darf König beim großen Firmen-
Monopoly mitspielen. Im Jahr 2000 wird aus Veba
und Viag ein riesiger Mischkonzern namens E.on.
Energie, Öl, Chemie, Handel, Verkehr, Dienstleis-
tungen, Telekommunikation – grundverschiedene
Branchen unter einem Holding-Dach. »Wir hatten
vom Kernkraftwerk bis zum Blumengroßhandel alles
im Portfolio.« König hilft dabei mit, den Konzern
durch Firmenverkäufe auf den Energiebereich zu
konzentrieren und gleichzeitig durch Zukäufe im
Ausland zu internationalisieren. Beteiligungen im
Wert von mehr als 100 Milliarden Euro wechseln
dabei den Besitzer. Eine gigantische Transforma-
tion – und sie ist erfolgreich.
Danach muss sich König erst einmal selbst trans-
formieren. Für die Karriere ist es wichtig, die Hol-
ding-Zentrale zu verlassen und Erfahrungen im ope-
rativen Geschäft zu sammeln Er wechselt 2006 zu

WAS BEWEGT THOMAS KÖNIG?


einer Tochterfirma namens Avacon, die aus regiona-
len Versorgern in Hannover und Sachsen-Anhalt
gebildet worden ist. Wenig später ist er dort Vor-
standschef und hat es nun mit kommunalen Mit-
aktionären und Betriebsräten zu tun, mit Ingenieuren
und Monteuren. In der Zentrale hatte er sich bis
dahin meist mit Zahlen befasst.
Zahlen sind für ihn wichtig, mit Zahlen kann
König umgehen. Geraten die Ergebnisse »unter
Druck«, muss gehandelt werden. König organisiert
von 2008 an ein großes Sparprogramm für den E.on-
Konzern und reduziert die Kosten um mehr als eine
Milliarde Euro. Arbeitsplatzabbau ist ein Teil davon.
Wenn Innogy demnächst im E.on-Konzern auf-
geht, wird auch das für rund 5000 der mehr als
70.000 Mitarbeiter bedeuten, dass sie gehen müssen.
»Das Wort Synergien ist so schön abstrakt«, sagt
König offen. »Aber am Ende sind es konkrete Mit-
arbeiter, die zukünftig keine Aufgabe mehr bei uns
haben werden. Jedem einzelnen sind wir zu Dank
verpflichtet, und wir werden uns deshalb anständig
und sozial verträglich voneinander verabschieden.«
Bei dem Megadeal geht es im Kern darum, dass
die Stromriesen E.on und RWE ihre Aktivitäten neu
sortieren und sich dabei auf unterschiedliche Ge-
schäftsfelder konzentrieren wollen. E.on übernimmt
die RWE-Tochter Innogy mit ihrem Stromnetz und
allen Vertriebsaktivitäten. Bei RWE, wo man sich
künftig auf die Stromerzeugung konzentriert, ver-
bleibt der Bereich Erneuerbare Energien von Innogy,
und hinzu kommen sämtliche Anlagen von E.on auf
diesem Feld. Als finanziellen Ausgleich erhält RWE
außerdem eine Aktienbeteiligung an E.on.
Durch die Übernahme wird E.on in eine neue
Dimension wachsen. Das Stromnetz wird mehr als
doppelt so groß sein, und die Zahl der Kunden in
Deutschland wird sich von fünf auf fast zwölf Mil-
lionen erhöhen, in Europa werden es sogar 50 Mil-
lionen sein. Solche Umbauten ist König gewohnt.
Im Zuge der Energiewende muss das Stromnetz
laufend massiv erweitert werden. Nicht weniger als
400.000 Grünstrom-Anlagen wurden in den ver-
gangenen Jahren allein von E.on angeschlossen.
Unter Öko-Gesichtspunkten ist der E.on-Manager
in einer guten Position. In seinem Reich beträgt der
Anteil des grünen Stroms am Verbrauch 120 Prozent.
Es wird nämlich mehr davon eingespeist als ver-
braucht. Das hängt damit zusammen, dass das E.on-
Netz vor allem ländliche Bereiche abdeckt, wo viele
Windräder und Solaranlagen stehen, aber der Ver-
brauch nicht so hoch ist wie in den Ballungsräumen.
Meist kann der Überschuss grünen Stroms über-
tragen werden, aber allzu oft muss er »weggeworfen«
werden. »Die Netze in Deutschland sind zunehmend

verstopft«, klagt König. »Selbst wenn die geplanten
neuen Leitungen vom Norden, wo die meisten Wind-
räder stehen, in den Süden des Landes endlich fertig
sind, werden wir mit Engpässen zu kämpfen haben.«
Leider dauere es erheblich länger, eine Genehmigung
für den Netzausbau zu bekommen, als einen Wind-
park zu bauen oder Solaranlagen aufzustellen. »Wir
müssen beides synchronisieren und den Netzausbau
beschleunigen«, fordert König. »Denn jede Kette ist
nur so stark wie ihr schwächstes Glied.«
König gibt unumwunden zu, dass er sich früher
nicht hat vorstellen können, dass Deutschland seinen
Strombedarf einmal zu 40 Prozent aus Windkraft
und Sonnenenergie würde decken können, wie es
heute der Fall ist. Dass man das zu vergleichbaren
Kosten machen könne wie mit Kohle und Atomkraft,
habe er noch vor zehn Jahren für unmöglich gehalten.
Daraus hat er gelernt. »Heute gehen wir mit unseren
Prognosen anders um. Zu unseren Strategiediskus-
sionen laden wir externe Experten ein, von denen wir
wissen, dass sie nicht so denken wie wir.«

Millionen Elektroautos zu laden wäre für
das Netz schon heute kein Problem

Gleichwohl muss der Manager versuchen, die Zu-
kunft zu antizipieren, wenn das Unternehmen erfolg-
reich sein soll. »Die alte Energiewelt war technik-
zentriert, die neue wird kundenzentriert sein«, prog-
nostiziert er. »Der Kunde wird künftig nicht mehr
nur Strom und Gas einkaufen. Er hat vielleicht ein
Mikrokraftwerk im Keller oder eine Fotovoltaikanla-
ge auf dem Dach. Er sucht Hilfe beim Einsparen von
Energie. Und er hat ein Elektrofahrzeug mit einer
Batterie, die man auch nutzen kann, um Netzschwan-
kungen auszugleichen.«
Elektromobilität ist ein Thema, das den Strom-
manager König stark bewegt. Jüngst hat er untersu-
chen lassen, ob das E.on-Netz ausreichen würde,
wenn darin einige Millionen Elektroautos geladen
werden müssten. Das Ergebnis hat ihn selbst über-
rascht. Anders als von vielen Schwarzmalern befürch-
tet, würde das keineswegs zu größeren Problemen
führen. Schon heute verkrafte das Netz es, wenn 30
Prozent aller Autos elektrisch betrieben würden. Um
eines Tages allen Kunden das abendliche Laden eines
Elektromobils zu ermöglichen, muss König das Netz
für rund 2,5 Milliarden Euro ausbauen. Das schreckt
ihn nicht, zumal er schon jetzt jedes Jahr rund eine
Milliarde investiert. Und bezahlen müssen auch
diesen Netzausbau am Ende wieder die Kunden. Der
Transformator ist dann nur der Tankwart.

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Ein neuer Versorger
Die geplante Übernahme des
Energiekonzerns Innogy durch E.on
würde einen neuen Riesenversorger
in Deutschland schaffen.
Das kritisieren nicht nur einige
Stadtwerke, auch manche Politiker
und Verbraucherschützer warnen
vor den Risiken des Projekts für
Strom- und Gaskunden. Der neue
Konzern werde durch seine Markt-
macht »den Energiemarkt auf den
Kopf stellen«, sagt Udo Sieverding,
Energieexperte der Verbraucher-
zentrale Nordrhein-Westfalen. Die
Europaabgeordnete Jutta Paulus
von den Grünen warnt vor »neuen,
kartellartigen Strukturen«.

Die Entscheidung
E.on hat die Bedenken stets zurück-
gewiesen, der faire Wettbewerb sei
in keiner Weise gefährdet.
Am 20. September läuft die
Prüfungsfrist der EU-Kommission
für den geplanten Deal ab. Die
Entscheidung gehört zu den letzten
in der laufenden Amtsperiode
der Wettbewerbskommissarin
Margrethe Vestager (Foto).
In der Vergangenheit hatte sie
Großfusionen oft kritisch gesehen.

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32 WIRTSCHAFT 12. SEPTEMBER 2019 DIE ZEIT No 38

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