Beobachter - 30.08.2019

(Jeff_L) #1

Walter Emmisberger: «Endlich hört man mir zu»


DAS IST PASSIERT: Walter
Emmisberger kam 1956 in
einem Gefängnis als unehe­
licher Sohn einer administra­
tiv versorgten Frau zur Welt.
Er wuchs in einem Kinder­
heim auf, später bei Pflege­
familien und Pfarrersleuten.
Oft wurde er verprügelt und
eingesperrt. In der Psychia­
trischen Klinik Münsterlingen
TG testete man an ihm noch
nicht zugelassene Medika­
mente. Später hatte er ein
Transportgeschäft, musste
dieses aber wegen seiner
Panikattacken aufgeben.

Über meine Kindheit
und Jugend konnte ich
jahrelang nicht sprechen.
Dass mein Zustand mit
meiner Kindheit zusammen-
hängen könnte, war mir nicht
bewusst. Als ich einmal einen
Artikel über ein Pflegekind
las, konnte ich plötzlich das
Tabu brechen. Ich organisierte
eine Ausstellung zum Thema
und erzählte Schulklassen
und Interessierten von mei-
nem Leben. Das waren sehr
bewegende Momente. Mit
anderen Betroffenen gründete
ich den Verein Fremdplatziert,

dort konnten wir uns aus-
tauschen. Es ist eine grosse
Genugtuung, dass man mir
heute zuhört. Für mich das
Wichtigste war der Brief des
Bundesamts für Justiz, in dem
sich der Staat mir gegenüber
für das erlittene Unrecht
entschuldigte.
Als ich nach Akten über mich
suchte, fand ich in einem
St. Galler Kinderheim eine
Postkarte mit einem Bild von
mir als Kleinkind. Unglaublich,
sie haben damit zu Spenden
aufgerufen. Später stiess ich
auf Dokumente, wonach man

mir in der Psychiatrischen
Klinik Münsterlingen noch
nicht zugelassene Medika-
mente verabreichte. Daran
habe ich praktisch keine
Erinnerungen, ich weiss nur
noch, dass ich viele Tabletten
schlucken musste und mir
schlecht war. Heute geht es
mir gesundheitlich besser,
ich kann sogar wieder kleine
Töfftouren unternehmen. Es
gab Zeiten, da konnte ich die
Wohnung kaum verlassen.
Ohne meine Familie hätte ich
die Aufarbeitung nicht
geschafft.

Beobachter Nr. 3/2014

3 |^2014 Beobachter^25

stalt lebten undlungsmethoden inklusivwirkungslos»geblieben waren. Sie wbei denene Gehirnoperalle Behand-«ationürden
ten Schädigung«gut ansprzösischeHerstellerechen», eren» beobSpecia lieferte dihabeachtet«keine ernsthaf. Der fran-e nö-ti-
gennicht. E. S. (Name dergr«Ganz so harmlos war Largactil aberösserenVersuchsmenRedaktiongen» grbekannt),atis.
derMnert sich, wie die Anünsterl ingen als Pwährend des Larflgestelltengactil-Versuchs ineger arbeitetefür die Me-, erin-
dikamentenmussten. Etliche Angesschlag bekommen, als sie die Pillenabgabe Handschuhe anziehentelltehatten Aus-be-
rzudem anüin mhrt hatten. Kuhn wies dieöglichs: Flaschen undt weiter DistanzTablettenvon Mund undPflegendenimmer«
Nase haltengeatmet werden kann».[...], dass kein Staub ein-
DiePharmafirmaGeigymachtmitAls Kuhn an einerrischenGesellschaftTagungüfr Psychiatrieder Schweize-hört,
Largactil sei ein Antihistaminikumer Geigy vor, die altemen und die damals alsIdee wieder aufzuneh-Schlafmittel un-, schlägt
tauglichebei Schizophrenen» einzusetmacht mit und hoSubstanz«fft, ein Konkur renzpro-in grösseremzen. GeigyRahmen
dukt zu Laund wird unter derAnfanrgactil lancieren zug 1956 isBezeichnunt der Stoffksynthetisierönnen.g«G 22355»t
nach Msich um Imipunter demünsterliNamenramin, das zweingen gelieferTofranil als erstes Anti-t. Es handeltJahre später
depressivum in denfänglich wuschen von Geigy nochsten weder dieHandelKuhn, wogegen diekommt. An-Verantwortli-
Substanztestet er sie daher an insgesamten miDas Resultat ist niederschmetternd.t ganz unternützlich sein sollte. Ein Jahr lanschiedlichen Diat 49 Patien-gnosen.g
«Ersatz fG 22355» isür das gefeierte Lart kein Neuroleptikum und alsgactil untaug-
· 1935 ·
ErchirurgischenEingrifmiteinemaneinemMenschenstmalswepsrdenycho-f
imHirnNerven-ba(Lobohnendurchtrenntomie).t


·Un1940bis1945deuttescrdenhenNationalsPsychiatrieinozialis·tetelleknisttueinell,Testilderrukturell
undperpsErwachseneReycichshischbeeinträchtigtsovenellindierwickeltwerd.MindeenermordeVerbrechendeestensKinderundt.^296000 sDritten
·DieUm1940zuElektreinerStoscandardbehandlung·hocktherapiewird
inderweanfälleausgelösrdenepileptischeKrampPsychiatrie.t.MitStromf-

· 1949 ·InderWaUniversitätsklinikldauwirPsychiatrischenddererste
ApparatfürenzephalografieBetriebgenommen.Elektro-in
arbeitenindererhältAntóniofürseinePionierEgasMonizPsycho--
chirurgie(LobodenNobelpreistomie).

·Währendder (^1947) undder·AufarbeitungderNürnbergerProzesse
MenschenversucheimNational-
sobergerGrundsatz:EinwilligungdezialismuswirKodex»erarbeitkeinedder«Nürn-sVeParstienucheohneet.ten.
«habe, kenne ich den Grund fSe it ich meine Akten aus Müüns terl ingenr meine
Panikattacken. Sie haben mich
wie eine
Gans mitWalterEmmisbergerMedikamen,Psychiatrieopfeten vollgestopft.»r
PREFOTOS:PHOTO
EYSS-ARCHIV/K
STONE,SCIENCE
LORILEGIUS&SOCIETY/F
,BPK
FOTOS:WIKIPEDIA
,INTERF(2),CORBIS
STONEOTO/KEY
SY/A,PAULALMA
SKG-IMAGE
Beo_03_025_IH_D_PsychiaterKuhn04.02.1409:38-25-(Cyan)Beo_03_025_IH_D_PsychiaterKuhn04.02.1409:38-25-(Magenta)Beo_03_025_IH_D_PsychiaterKuhn04.02.1409:38-25-(Yellow)Beo_03_025_IH_D_PsychiaterKuhn04.02.1409:38-25-(BlacK)

Free download pdf