Beobachter - 30.08.2019

(Jeff_L) #1

Magdalena Ischer (†): Ihren Sohn hat sie nie getroffen


DAS IST PASSIERT:
Magdalena Ischer lebte als
Kind und Jugendliche in
mehr als einem Dutzend
Heimen und Anstalten. 1966
gebar sie einen Sohn, sie war
erst 17 Jahre alt. Gegen
ihren Willen gaben ihn die
Behörden zur Adoption frei.
Sie sah ihn nie wieder. Ohne
Gerichtsurteil wurde sie für
weit über ein Jahr im Frauen-
gefängnis Hindelbank BE
weggesperrt.
Als eine der Ersten outete
sich Ischer als Betroffene
einer Zwangsadoption. Die
offizielle Entschuldigung von

Bundesrätin Eveline Widmer-
Schlumpf in Hindelbank war
für sie eine Genugtuung.
Denn das Leben meinte es
nicht gut mit ihr, «sie wurde
von den Behörden regelrecht
seelisch zerfleischt», sagt ihre
Weggefährtin Ursula Biondi.
Mit Verweis auf das Adop-
tionsgeheimnis verwehrte
man ihr jegliche Informatio-
nen über ihren Sohn. Dies,
obwohl das absolut formu-
lierte Adoptionsgeheimnis
erst ab der Gesetzesänderung
von 1973 galt. Zumindest die
Identität ihres Sohnes hätte
man ihr mitteilen müssen.

Auch als sie 2015 von ihrer
Krankheit schon schwer
gezeichnet war, versuchten
ihr nahestehende Personen,
ein Treffen mit dem Sohn zu
organisieren – es kam nicht
mehr zustande.
Wenige Tage nach dem Ver-
such verstarb Magdalena
Ischer 66-jährig, verbittert
und vom Leben zermürbt.
Die Wiedergut machung hat
sie nicht mehr erlebt. Ihrem
Sohn hat sie einen Abschieds-
brief hinterlassen, um ihm
ihre Geschichte zu erzählen.
Ob er den Brief jemals erhal-
ten hat, ist nicht bekannt.

Beobachter Nr. 8/2014


DAS IST PASSIERT: Bernadette Gächter, 65, wurde als 18-Jährige schwanger.
Die Psychiatrische Klinik Wil SG stufte sie als «geistesschwach» ein und
drängte sie zur Abtreibung. Im Kantonsspital St. Gallen durchtrennte man ihr
«aus eugenischen Gründen» auch gleich die Eileiter. Die Hintergründe erfuhr
sie erst, als sie Anfang der neunziger Jahre Einsicht in ihre Akten erhielt.
2006 wurde ihre Geschichte als Buch veröffentlicht.


Ich finde es gut, dass die
Geschichte der vormund-
schaftlichen Zwangsmass-
nahmen aufgearbeitet wurde.
Aber der Aufwand der Exper-
ten und Forscher hat eine Un-
menge Geld gekostet. Das ist
zwiespältig. Man hätte besser
den Betroffenen eine höhere
Entschädigung ausgezahlt.
Denn die Höhe der Wieder-
gutmachung ist lachhaft. Ich
habe so viele Betroffene er-
lebt, die haben nichts, sind alt
und krank. Man hätte ihnen
wenigstens die Geldsorgen
nehmen können.
Das Wichtigste für meine
Aufarbeitung war das Buch
«Widerspenstig». Ich fand
dadurch Ruhe, den inneren
Frieden. Und ich konnte mir
Gehör verschaffen. Der runde
Tisch, dem ich am Anfang
angehörte, brachte mir nichts.
Hier fühlte ich mich total
unverstanden. Es wurden zu


hohe Erwartungen geschürt
und zu viele Enttäuschungen
produziert. Ohne die Wieder-
gutmachungsinitiative von
Guido Fluri wäre die ganze
Aufarbeitung versandet.
In den letzten Jahren bekam
ich zunehmend Probleme mit
meinen Augen, aber ich freute
mich auf die Pensionierung.
Dann wurde bei mir Brust-
krebs diagnostiziert. Nach
einer Chemotherapie geht es
mir wieder besser. Aber
inzwischen bin ich vollständig
erblindet.
Eigentlich wollte ich weiter-
kämpfen, um alle meine Akten
herauszubekommen. Aber
heute brauche ich meine Kraft
und Energie für anderes.
Jeder Tag ist eine neue
Herausforderung. Ein jahr-
zehntelanger Prozess ist für
mich zu Ende gegangen.
Jetzt kann ich loslassen,
für mich stimmt es.

Bernadette Gächter: «Ich brauche


meine Kraft für anderes»


Beobachter Nr. 18/2010

20 aktuell


Mgesehen. Die Behörden gaben ihn zur Adoption frei, gegen ihren Willen. Ein Jahr aria Magdalena Ischer war 17, als sie ihren Sohn gebar. Das war 1966. Seither hat sie ihn nie mehr
später wurde sie im Frauengefängnis Hin-delbank weggesperrt, ohne jedes Urteil.Jetzt ist Maria Magdalena Ischer 65
Jahre alt. Sie hat bis heute nicht verkraftet, dass sie ihren eigenen Sohn nie kennenlernen konnte. Jahrzehntelang kämpfte sie – -
wie gegen Windmühlen. Man sagte ihr nicht einmal, wo ihr Sohn lebt. Vor einigen Jahren gab sie den Kampf auf. In ihrer Ver-
zweiflung verfasste sie einen Abschiedsbrief. Ihr Sohn soll dereinst die ganze Wahrheit erfahren. -
Die Ämter müssten Auskunft erteilenSeit Jahren gibt es Bestrebungen, das Adoptionsgeheimnis für solche Fälle zu
lockern: Ämter sollten Eltern zumindest allgemeine Informationen über ihre Kinder geben, unabhängig davon, ob ein Kon--
takt tatsächlich zustande kommen wird. Mehrfach haben sich National- und Ständerat hinter eine solche Änderung gestellt, -
doch eine gesetzliche Basis fehlt weiterhin. Bis heute haben nur Kinder das Recht, die Identität ihrer leiblichen Eltern zu erfah-
ren. Immerhin liegt inzwischen ein Entwurf für eine neue Regelung vor, die diesen Missstand beheben will, bestätigt das Bun--
desamt für Justiz. Eigentlich müssten VormundschaftsbehörWas viele Betroffene nicht wissen: -
den (heute: Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden) ihnen schon jetzt Auskunft über die Identität der Kinder erteilen. --
Das Bundesamt für Justiz schickte Anfang

Jahr ein entsprechendes Empfehlungsschreiben an die Vormundschaftsbehörden der Kantone und Gemeinden. Darin --
steht, dass das absolut formulierte Adoptionsgeheimnis erst seit der Gesetzesänderung von 1973 gilt. Eltern, deren Kinder vor --
diesem Zeitpunkt unter Zwang zur Adop-tion weggenommen wurden, sollten die Identität ihrer Kinder erfahren: «Adoptio-
nen, die unter dem alten Recht (d. h. vor dem 1. April 1973) erfolgt sind, fallen grundsätzlich nicht unter das Adoptions-
geheimnis», so das Bundesamt für Justiz.bewirkt: Die Interessengemeinschaft Doch das amtliche Schreiben hat wenig
ZwangsMonaten rund ein Dutzend Betroffene bei der Suche nach ihren Kindern. Doch alle adoptierte begleitete in den letzten
seien bei den Gemeindebehörden und

Vormundschaftsämtern abgeblitzt, sagt Präsidentin Lisa Hilafu. Sie wurde als Kind selber den Eltern weggenommen und
adoptiert, später von den Adoptiveltern bei Pflegefamilien fremdplatziert. Hilafu kritisiert: «Die Mütter kommen alle total ent--
täuscht von den Ämtern zurück. Sie fühlen sich einmal mehr hintergangen.»
Der Bund will Klarheit schaffenDass die eigene Empfehlung folgenlos geblieben ist, hat auch das Bundesamt für -
Justiz erkannt. Luzius Mader, stellvertreten-der Direktor und Leiter des runden Tischs zur Aufarbeitung der fürsorgerischen
Zwangsmassnahmen, kündigt gegenüber dem Beobachter an, demnächst werde man ein für die Vormundschaftsbehörden
verbindliches Merkblatt veröffentlichen.

ZWANGSADOPTIONEN
Mütter
ohne RechteDie Behörden verweigern Eltern, denen
in den sechziger und siebziger Jahren die Kinder unter Zwang genommen wurden, weiter jegliche Informationen. Text: Otto Hostettler

FOTOS: STEPHAN RAPPO, PD

WIEDERGUTMACHUNGSINITIATIVEIn kürzester Zeit über 20000 Unterschriften
Bis heute leiden Tau­sende von Frauen und Männern darunter, dass
sie von den Behörden unter dem Titel «fürsorgerische Zwangsmass­­
nahmen» verdingt, ge­gen ihren Willen sterili­siert und weggesperrt
wurden. Ein überpartei­liches Komitee kämpft nun gemeinsam mit
dem Beobachter für deren Rehabilitie­rung. Die Anfang April lancierte Volks­initiative fordert für die Betroffenen

eine finanzielle Wiedergut­machung. Innerhalb zweier Wochen unterschrieben
weit über 20000 Personen die Initiative. Damit es zur Volksabstimmung kommt,
sind 100 ten nötig. Setzen auch Sie ein Zeichen für die Wieder000 Unterschrif­­
gutmachung und unterzeichnen Sie die Initia Unterschriften bögen tive. ­
können Sie im Internet beziehen:www.beobachter.ch/wiedergutmachungwww.wiedergutmachung.ch


  1. April, Bern: Startschuss zur Unterschriftensammlung


Sohn? Maria Magdalena Wo ist ihr
Ischer

zweiJahrenachderKinder:GächterheiratEinBeLernadebenohneetttee
Sterilisierung.

32 TITELTHEMA

Als18-JährigeunBeZwangrnadesterilisiertteGächtet:terr
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der«WUnBeoidenasnütztunseinUnDrucZwo-Menschenrk:angsLestetztenwarilisiertenrmerHändedruck?»Novemamberempfahlchtgardie
ScsiederfinanziellerhwrteizdrinGeennu«beggtuunangegeg,nd,dasanneUneinschliesslichnichecrehtchtsaduZwusrcangsschuhFossrmsteenderli-rit-
didernisEntschuldigungAutchdiebegungiZeMiitdenf,ttelrüwieineVeedrdwieing-undereinerffiogutzzielleumachen».fföentlichenEnHeimkin-tschul-
Hineru«EinenngwisrchtiEnateGutschuldirifg.»idoGraf.InLuErgungwillze,abrndaserdenisersitfsgnürdazualisierdieBeBebetrireRechtrotitisdee-ffgie-t:s
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