musste sie schlucken. Wahrlich ein
stolzer Preis für etwas, wofür sie
keine Verwendung hatte.
„Darf ich Sie auf einen Kaffee
einladen?“, fragte Ansmann, wäh-
rend auch er bezahlte. „Sozusagen
als Dank für Ihre Beratung.“
Svenja hatte auf seine Einladung
gehofft. Und das nicht nur, weil sie
ihn über seinem Vater ausfragen
wollte. „Gerne“, antwortete sie.
Als sie den Laden verlassen hat-
ten, stellte er sich vor: „Joris Ans-
mann, mein Name. Freut mich.“
„Ich heiße Svenja Berger.“ Sie
gab ihm die Hand und beschloss,
gleich mit der Tür ins Haus zu fal-
len. „Ansmann? Den Namen hört
man nicht oft. Ein Lehrer meiner
Mutter hieß Friedolin Ansmann.“
Erstaunt sah er sie an. „Na, so
ein Zufall! Das ist mein Vater, sei-
ne Fächer sind Sport und Deutsch.“
„Was seine Fächer waren weiß
ich nicht. Den Namen kenne ich
nur, weil er in ihrem Fotoalbum
vermerkt ist, das ich erst vor ein
paar Tagen durchgeblättert habe.
Er war wohl mit ihrer Klasse auf
Abi-Fahrt in Hamburg. Mama ist
vor zwei Wochen gestorben.“
„Oh, mein herzliches Beileid.“
Joris Ansmann führte sie über
die Straße zu einem Café. Sie setz-
ten sich ans Fenster und bestellten
Cappuccino, dazu Apfelkuchen.
„Sind Sie denn auch Lehrer?“,
wollte Svenja wissen.
„Nein, ich bin Fotograf und habe
auch schon mal Einrichtungen für
einen Katalog fotografiert.“
„Dann passen wir ja sogar beruf-
lich irgendwie zusammen.“
Sein Lächeln war warm. „Viel-
leicht nicht nur beruflich ...“
Svenja wurde schon wieder rot!
Himmel, wie ein kleines Schul-
mädchen! Schnell trank sie einen
Schluck Cappuccino, als könne sie
sich hinter der Tasse verstecken.
Dann kam sie wieder auf ihr The-
ma. „Haben Sie Geschwister?“
„Nein.“ Er hob die Augenbrauen.
„Was Sie so alles wissen wollen!“
„Man redet halt so.“ Schmun-
zelnd spitzte sie den Mund.
„Dann bin jetzt ich dran mit mei-
nen Fragen: Sind Sie Single? Woh-
nen Sie in München? Sind Sie als
Raumausstatterin selbstständig?“
„Ja, ja und ja.“ Sie schob sich
das letzte Stückchen Kuchen in den
Mund und lachte. „Was Sie aber
auch so alles wissen wollen!“
Joris bat um ihre Visitenkarte.
„Falls ich mal eine Raumausstat-
terin brauche.“ Sein Blick und sein
Lächeln trafen sie bis in die Tiefe.
Einer der Jungens
war auf allen Fotos
bei Svenjas Mutter
Als er sie bereits zwei Tage spä-
ter anrief, um sie auf eine Vernis-
sage einzuladen, machte ihr Herz
vor Freude einen Satz. Doch der
Gedanke, dass er ihr Halbbruder
sein könnte, holte sie schnell wie-
der ein. In der Hoffnung, irgend-
einen anderen Anhaltspunkt zu
finden, nahm sie das Fotoalbum
noch einmal zur Hand und betrach-
tete die Bilder von damals.
Plötzlich fiel ihr auf, dass einer
der beiden Jungens, die mit Gabi
auf der Mauer gesessen hatten, auf
fast allen Fotos hinter oder neben
ihr zu sehen war. Sie schickte das
Bild per Mail an Birgit, rief sie
dann an und fragte: „Der rechts
neben Mama, wer ist denn das?“
„Der heißt Rudolph Forster. So
weit ich mich erinnere ist er So-
zialpädagoge geworden.“
„Findest du auch, dass er und ich
uns sehr ähnlich sehen? Die Form
der Augenbrauen, die Nase?“
„Hm ja“, machte Birgit, „das
könnte sein. Der links von ihr ist
übrigens Martin Franke. Na dann,
weiterhin gutes Gelingen bei der
Suche nach deinem Vater!“,
wünschte sie noch und legte auf.
̈
Rudolph Forster leitete ein Ju-
gendzentrum und arbeitete speziell
mit auffällig gewordenen Jugend-
lichen. Auch jetzt, da sie ihm ge-
genüberstand, fand Svenja, dass er
ihr ähnlich sah. Sie stellte sich vor
und gab ihm die Hand.
Er hielt sie offensichtlich für die
Mutter eines seiner Schützlinge.
„Bitte“, damit deutete er auf einen
Stuhl vor seinem Schreibtisch und
verfrachtete einen Packen Ordner
auf ein Regal beim Fenster. „Frau
Berger? Dann sind Sie wohl wegen
Roman zu mir gekommen?“
„Nein, ich habe keine Kinder
und bin aus privaten Gründen hier.“
„Ach?“ Die anfänglich kühle
Distanziertheit verschwand aus
seinem Gesicht, neugierig sah er
sie an. „Kennen wir uns denn?“
„Nein, aber Sie kannten meine
Mutter, Gabi Berger.“ Seine Augen
wurden groß. „Ich merke, Sie er-
innern sich“, stellte Svenja fest.
„Natürlich erinnere ich mich an
Gabi. Wir sind ja neun Jahre in die-
selbe Klasse gegangen. Allerdings
haben wir uns nach dem Abitur aus
den Augen verloren ...“
„Ich bin Gabis Tochter.“ Svenja
hatte sich vorgenommen, diesmal
Der große abgeschlossene
LIEBES-ROMAN Du solltest mei nen V