Neue Zürcher Zeitung - 17.07.2019

(Grace) #1

Mittwoch, 17. Juli 2019 SPORT35


Katusha kämpft ums Überleben

Das Rad team mit Schweizer Lizenz sucht Sponso ren – ein Parforceritt Nils Politts ist die letzte Hoffnung


SEBASTIAN BRÄUER


DasTeam Katusha brauchte jetzt einen
Char ismatiker wie MichaelWoods. Im
Herbst 2017 stand Cannondale, die
Mannschaft des Kanadiers, vor dem
Aus, doch dann passierte etwasAus-
sergewöhnliches.Als fastkeine Hoff-
nung mehr bestand, sagte derTeamchef
JonathanVaughters an derVuelta eines
Morgens zuWoods, er fahre heute nicht
mehr nur für sich. Es gehe jetzt um die
Zukunft allerFahrer , Dutzender An-
gestellter, um derenFamilien und um
deren ungeborene Kinder.
Woods riskierte viel, um demTeam
Aufmerksamkeit zu verschaffen. Er
fuhr zusammen mit Alberto Contador
dem Feld davon und kämpfte wie ein
Löwe darum, den Abstand zu halten.
Woods gewann zwar nicht dasRennen,
aber vieleSympathien. Er wurde an der
Vuelta überraschend Gesamtsiebenter.
Kurz darauffandseinChefVaughters mit
EducationFirst einen neuen Sponsor.


Hiobsbotschaft an derTour


Jetzt befindet sich Katusha in einer
ähnlichen Situation wie damals Can-
nondale. Falls sichkeine neuen Geld-
geber finden, droht das in der Schweiz
lizenzierteTeam mit russischenWurzeln
Ende 2019 zu verschwinden.Während
der ersten Etappen derTour deFrance
war durchgesickert,dass die Sponsoren
Alpecin und Canyon ihre auslaufenden
Verträge nicht verlängert haben.
Unklar sind die Ambitionen des rus-
sischenTeamgründers Igor Makarow. Er
hätte die Mittel, die Equipe alleine zu
finanzieren. Bis jetzt sindkeine Anzei-
chen dafür bekannt, dass er dies auch
anstrebt. Der CEO Alexis Schoeb sagte
2017 der NZZ, sein Ziel sei der Einstieg
einer SchweizerPartnerfirma. Bisher
hat er diese nicht gefunden. Eigentlich
sollten dieFahrer am erstenRuhetag in
Albi über ihre Zukunft informiert wer-
den. Doch dazukam es am Dienstag laut
offiziellerDarstellung nicht.Stattdessen
gingen dieVerhandlungen weiter.
Vielleicht wird NilsPolitt imLaufe
der Tour deFrance zum MichaelWoods
von Katusha. DerTeamleitung bleibt
fast nichts anderes übrig, als auf einen
starkenAuftritt des Deutschen zu hof-
fen, dennsonst ist niemand in Sicht, der
das Interesse neuer Geldgeber wecken


könnte. Der Klassement-Fahrer Ilnur
Sakarin hat schon 40 MinutenRück-
stand. Der Sprinter Marcel Kittel hat
sogar vorzeitig seinenVertrag aufgelöst.
Und Rick Zabel erweckt kaum den Ein-
druck, in dieFussstapfen seines erfolg-
reichenVaters Erik treten zukönnen.
NurPolitt sticht heraus. Im April
wurde er Zweiter der ClassiqueParis–
Roubaix, des wichtigsten Eintages-
rennens derWelt. Auch an derTour ge-
lingtes Politt noch am ehesten, dem
Team TV-Präsenz zu verschaffen. Ein-
mal beteiligte er sich an einem Massen-
sprint und wurdeAchter, einmal wagte
er sich in eine frühe Fluchtgruppe.
Der 25-Jährige sagt:«Wir geben nicht
auf. Das ist nicht unsere Mentalität.Wir
kämpfen immer weiter.» Politt spricht in
der Wir-Fo rm, doch eigentlich meint er
wohl vor allem sich selber.
Es könnte sich zeigen, dass der Neu-
start, den Katusha Anfang 2017 vollzog,
nicht entschieden genug ausgefallen ist.

Denn derRadsport hat sichrasant wei-
terentwickelt.Vielleicht zurasant für
das Team Katusha, das manchmal wirkt
wie aus der Zeit gefallen.

Auf ausgetretenen Pfaden


Viele Mannschaften haben ihre Be-
treuerstäbe völlig neu organisiert. Bei
aufstrebendenTeams wie Bora domi-
nieren nicht mehr ehemalige Profis, die
manchmal Mühe haben, sich von ver-
alteten Methoden zu lösen. Stattdessen
treffen hochspezialisierte Akademiker
die Entscheide.Anders bei Katusha.Als
sich dort der frühere ProfiWjatscheslaw
Jekimow alsTeamchef verabschiedete,
wurde er durch José Azevedo ersetzt,
einen weiteren einstigen Profi. Seit die-
sem Jahr wird er von Erik Zabel unter-
stützt, der alsPerformance Manager
fungiert.Auch er war in einer Zeit aktiv,
als dieTrainingspläne längst nochnicht
so ausgefeilt daherkamen wie heute.

Es hielt sich eine antiquierte Atti-
tüde.Wenn die Captains nicht brillier-
ten, wurden sie öffentlich abgekan-
zelt. Das widerfuhr Kittel an derTour
de France 2018 und vorher bereits dem
NorwegerAlexander Kristoff. Es wirkte
auf beide demotivierend und wäre bei
innovativeren Teams mit ihren flachen
Hierarchien kaum noch vorstellbar.
Tony Martin,der Katusha in der Saison-
pause verliess, sagt heute: «Ich glaube,
dass dasTeam nicht das Umfeld bietet,
das erfolgreiche Sportler brauchen.»
Ebenfalls in der Saisonpause mahnte
Reto Hollenstein, einziger Schweizer
Profi bei Katusha,Innovat ionen an: «Es
müssen sichein paar Dinge ändern.»
Das betreffeTrainings- und Ernährungs-
fragen. Hollenstein äusserte sich ge-
radezuprophetisch:«Wirbrauchen Siege,
dami tdie Sponsoren zufriedensind.»
KurzfristigeTriumphekönnenvieles
üb ertünchen. Der Erwartungsdruck las-
tet auf den Schultern NilsPolitts.

Nils Pollit soll sich an derTour deFrance zeigen –und das Interesse potenzieller Geldgeberwecken. JEFF PACHOUD / AFP

Kein vergiftete s Geschenk


Der Schweizer Spri ngreiter Bryan Bals iger darf erst mals am CHIO Aachen st arten –nach Olympia 2020 soll er eine Lücke füllen


MARCOACKERMANN


Wie doch das Leben manchmal spielt.
Im August 2017 war BryanBalsiger
auf dem Gipfel.In S amorin wurde der
Neuenburger Europameister derJun-
gen Reiter.Aber dann folgte dasJahr
der Bestätigung, und dieses liess sich
ungünstig an. An der Dernièredes CSI
Zürich erlittBalsiger einen Asthma-
anfall; er musste dasWochenende im
Spital verbringen. Und im vergange-
nen Sommer am CSI Ascona stürzte
er so unglücklich, dass derrechte Fuss
unter seinem Pferdeingeklemmtwurde.
Die Knöchelverletzung bedeutete eine
Pause von einem Monat.Dabei hätte
Balsiger eigentlich an den Schweizer
Meisterschaften derJungenReiter teil-
nehmen wollen, doch diese kamen zu
früh. Um abzuschalten, verreiste er mit
der Freundin ein paarTage nachBarce-
lona ans Meer.
Die Verletzung hatte alles geändert.
Entgegen seiner Planung starteteBal-
siger dann an denSchweizer Meister-
schaften der Elite. Er wollte diese in
Humlikon alsTestlauf imRahmen sei-
nes Comebacks nutzen. Und siehe da,
derTrost für die verpasstenWettkämpfe
war maximal: Im Alter von erst 21Jah-
ren wurde er Schweizer Meister. Balsi-
ger war zurück auf dem Gipfel – und
einenMonat später zurück inBarcelona:


diesmal nicht alsFeriengast,sondern als
Debütant in der Schweizer Equipe in
einem grossen Nationenpreis.
Der CSI Ascona findet in dieser
Woche wieder statt,doch die Bühne, die
Balsiger nun betritt, ist ungleich grösser.
Das Talent ist erstmals für den CHIO
Aachen aufgeboten, das bedeutendste
Turnier derWelt abseits der Champio-
nats. Balsiger ist für den Nationenpreis
vom Donnerstag vorgesehen und soll
sich für den Grand Prix vom Sonntag
qualifizieren, für den im Stadion 40 000
Zuschauer erwartet werden.Balsiger
sagt: «Für mich geht einJugendtraum in
Erfüllung.» Und er gibt sich ganz unbe-
scheiden.Wenn ein Sportler irgendwo
antrete, wolle er immer siegen, das liege
in der Natur der Sache. Nun muss man
wissen, dass es nicht so einfach ist, den
GP von Aachen zu gewinnen. In der
knapp hundertjährigen Historie ist das
nur drei Schweizern gelungen.

Im Sattel eines «Kriegers»


Balsiger stammt aus einer klassischen
Reiterfamilie vomLande und steht für
eine aufstrebende jungeReiter-Gene-
ration in derRomandie. Seine Eltern
haben am Neuenburgersee eineReit-
schule aufgebaut mit über fünfzig Pfer-
den,die nun von Bryans älterem Bruder
Ken geleitet wird.Beide Elternteile sind

heute für den SchweizerVerband tätig;
der Vater als Nationaltrainer derJun-
gen Reiter, die Mutter in derAdminis-
tration. Bereitsim Alter von sechsJah-
ren ist Bryan erstmals gesprungen, seit-
her ist derVater ThomasBalsiger sein
Coach.Das sei ganz gut so, meint Bryan
Balsiger, «denn niemandkennt mich so
gut wie er». Und dieselbeKombination
scheint ja auch beim Equipen-Kollegen
MartinFuchs, der ebenfalls ein früherer
Europameister derJungenReiter ist,
bestens zu harmonieren.
Balsigers Erfolgspferd ist ein elf-
jähriger Belgierwallach namens Clou-
zot deLassus. «Ein richtiger Krieger»,
sagt Balsiger über ihn. Der Mäzen Oli-
vier de Coulon aus Saint-Blaise hat dem
aufstrebendenReiter dessen Besitz bis-
her gesichert. De Coulon gilt als ambi-
tioniert; er unterstütze grosszügig, wolle
aber auchResultate sehen, heisst es aus
der Szene. Das macht den Druck nicht
eben kleiner.

Zum Auftakt in die diesjährige
Nationenpreis-Saison hatte sich gezeigt,
welcheTücken derWechsel vom Nach-
wuchs zur Elitehaben kann.Balsiger lie-
ferte beim Schweizer Sieg inLa Baule
die Streichresultate. Noch inBarcelona
bei seinem Nationenpreis-Debüt war er
der Schweizer mit den wenigstenFehler-
punkten gewesen.

Die drohendeZäsur


Ungeachtet der Ergebnisse spricht der
Equipenchef Andy Kistler von einem
«Juwel, wie es in diesemLand viel-
leicht eines proJahrzehnt gibt». Er lobt

Balsigers «feine Hand», den moder-
nen Reitstil und denWillen, alles dem
Sport unterzuordnen. Kistler will das
Talent nun behutsam an höhereAufga-
ben heranführen.Und dazu gehöre eben
auch, dass man sich einer solchgrossen
Herausforderung wieAachen stelle, sagt
der Schwyzer. Solch einAufgebot sei
kein «cadeau empoisonné», kein vergif-
tetes Geschenk, sondern die Chance für
Balsiger, in der Karriere den nächsten
Schritt zu machen. Kistler weiss: Nach
den Olympischen Spielen 2020 zeichnet
sich im Schweizer Kader eine Zäsur mit
Rücktritten ab. «Und Bryan ist unsere
grösste Zukunftshoffnung.»

Chaplin verletzt – Fuchs wägt R isiko ab


ac.·Vor dreieinhalbWochen in Cascais,
Portugal, hatte MartinFuchs mit dem
Hengst Chaplin so richtig abgeräumt.
Als Krönung gewann die ZürcherWelt-
nummer 3 an der Station der lukrati-
ven Global ChampionsTour den Grand
Prix.Doch nun ist Chaplin,Fuchs’ zweit-
bestes Pferd, verletzt. Es ist fraglich, wie
oft es in der Open-Air-Saison noch zum
Einsatzkommen kann. Chaplin wäre
auch für den Nationenpreis am CHIO
in Aachen vom Donnerstag vorgesehen
gewesen.Da Fuchs seinTop-Pferd Cloo-

ney im Hinblick auf die Europameister-
schaften inRotterdam imAugust scho-
nen will,ver zichtet er nunsehrwahr-
scheinlich auf einen Einsatz imLänder-
vergleich. Im Grand Prix vom Sonntag
aber will er Clooney satteln. Im Natio-
nenpreis starten für die Schweiz wohl
der Weltranglistenerste Steve Guerdat,
BryanBalsiger,Arthur Gustavo da Silva
und Pius Schwizer. Das Stammquartett
für die EM dürfte aus Guerdat,Fuchs,
Paul Estermann und NiklausRutschi
bestehen.

Bryan Balsiger
KEYSTONE Schweizer Springreiter

Senderos bei GC


im Probetraining


Der 34-jährige Verteidiger ist
seit einem halben Jahr ohne Klub

ram.·Der ehemalige Nationalspie-
ler Philippe Senderos trainiert seit ei-
nigen Tagen im Challenge-League-
Klub GC. Ob es zu einem Engagement
des Abwehrspielerskommt, hängt laut
dem GC-Trainer UliForte von derFit-
ness und allenfalls von den finanziellen
Vorstellungen des 34-Jährigen ab. «Die
Mentalität von Philippe ist vorbildlich»,
sagt Forte, «nun müssen wir schauen,wie
er sich physisch präsentiert.»Forte liess
durchblicken, dass er Senderos gerne
verpflichten würde. Senderos spielte vor
drei Jahren bereits eine halbe Saison für
GC,erfüllte aber die Erwartungen nicht
ganz und erhieltkeine Vertragsverlän-
gerung. Der 57-fache Nationalspieler
wechselte danach zu den GlasgowRan-
gers, wo er aber nur vier Spiele absol-
vierte.Zuletzt stand er bei Houston in
der MLS unterVertrag, mit 14 Einsätzen
in einemJahr reüssierte er nicht. Sende-
ros ist seitJanuar ohneVerein.

Waltert be zwingt


Topges etzte


Die Tennisspielerin überrascht
am WTA-Turnier in Lausanne

(sda)·Die Bündnerin SimonaWaltert
(WTA 562) sorgteam WTA-Turnier in
Lausanne für den ersten Schweizer Sieg.
Die 18-jährigeTennisspielerin bezwang
die topgesetzte DeutscheJulia Görges
(WTA25) in der erstenRunde 6:7 (5:7),
6:4,3:2 (30:0). Bei diesem Spielstand gab
Görges auf, weil sie sich zu Beginn des
dritten Satzes amrechten Handgelenk
verletzt hatte. Waltert lag zweimal mit
einem Satz und einem Break zurück.
In der Mitte des zweiten Satzes ging
sie erstmals inFührung (4:3).Vom 4:4
im zweiten bis zum 3:0 im dritten Satz
sicherte sichWaltert fünf Spielgewinne
in Folge;immer wieder düpierte sie Gör-
ges mit Stoppbällen. In denAchtelfinals
trifftWaltert nun auf JilTeichmann,
die das SchweizerDuell gegenTimea
Bacsinszky 6:2, 5:7, 6:1 für sich entschied.
Die Aargauerin StefanieVögele(WTA
113) schied hingegen aus. Sie unter-
lag derRumänin Mihaela Buzarnescu
(WTA 55) 6:1, 1:6, 0:6.
Free download pdf