Handelsblatt - 17.02.2020

(Ann) #1
„ Die Betriebsräte wissen, dass ich
um jeden Arbeitsplatz kämpfen
werde. Wir werden nicht mit
unverhältnismäßigen Zahlen kommen.“
Dirk Hoke, Chef von Airbus Defence and Space, zu den
bevorstehenden Verhandlungen über einen Stellenabbau

„Die Reedereien handeln
verantwortlich und versuchen,
kein Risiko einzugehen.“
Helge Grammerstorf, Deutschland-Chef
des Kreuzfahrt-Verbandes CLIA, über die
Herausforderungen, die der Branche aus dem
Covid-19-Virus erwachsen

D

ie Mauer an sich feiert ein Revival: Als US-ameri-
kanischer Schutzwall zwischen Mexiko und den
USA, als schwimmende Migrantenbarriere rund
um die griechische Insel Lesbos und als perpetuiertes
Hirngespinst ewig Gestriger zwischen Ost und West.
Wirtschaftlich relevant sind die Varianten der chinesi-
schen Mauer zwischen potenziell interessenkollidieren-
den Abteilungen, zum Beispiel eines Finanzinstituts, so-
wie die Firewalls rund um die von Cyberattacken ge-
schüttelte Unternehmenswelt. Diese Themen müssen
allen Aufsichtsräten vertraut sein und von ihnen auf die
Agenden gehoben werden.
Die Social Media aber halten eine neue Herausforde-
rung bereit: Erste Aufmerksamkeit erfuhr das Phäno-
men beim schon legendären Rezo-CDU-Schmähvideo,
dem die Partei mit Bordmitteln und ihren „jungen“ Mit-
gliedern auf Augenhöhe mit einem Response-Video
Rechnung tragen wollte: Eine Bauchlandung par excel-
lence, der Shitstorm und der diesen begleitende media-
le Zirkus erreichten erste Höhepunkte. Dem fotogenen
„Greta sitzt allein am Boden“-Gag glaubte die bekannt
humorfreie Führung der Deutsche Bahn AG mit einer
mokanten Gegendarstellung angemessen zu entspre-


chen: Der weltweit dadurch erst wahrgenommene Knal-
ler wird Generationen von PR-Experten als Schulstoff
genügen. Und Joe Kaesers unanständiges wie degoutan-
tes – neuerdings bestrittenes – Angebot an die junge Ak-
tivistin Neubauer mit einer vollkommen aus dem Ruder
gelaufenen Nachregie („Experten habe ich genug im
Aufsichtsrat“) hat vermutlich mehr entrüstete Bürger
nach eigener Einschätzung zu Aufsichtsratsexperten ge-
macht, als wir aktive Amtsinhaber haben. Und schließ-
lich, bereits mehrfach erlebt, glaubt man immer wieder


  • auch von professioneller Seite –, man könnte auf einen
    medialen „Shitstorm“ mit einer Entschuldigung bei den
    anonym Erregten effizient reagieren. Die Ahnenreihe
    der Reaktionsflops wartet täglich auf Ergänzung.
    Das ist ein Weckruf an alle Experten, einschließlich
    der Psychologen, einen geeigneten Reaktions- und Ab-
    wehrmechanismus zu entwickeln. Die Elemente sind
    bekannt, eine effektive Abhilfe dürfte keine Hexerei
    sein. Social Media haben einer schweigenden, weil bis
    dato nicht organisierbaren Menge (unabänderbar) eine
    Stimme verliehen. Und diese wird genutzt – und natur-
    gemäß auch missbraucht. Denn anonyme Schmähun-
    gen und begründungsfrei herausgeschriene Entrüstun-
    gen sind weder demokratisch noch weiterführend.
    Aber sie werden als machtvoll empfunden und lösen
    selbst in den Medien wie Sturmfluten Panik statt über-
    legtes Handeln aus.
    Der Verstand ist eine zunehmend sich verknappende
    Ressource. Vorstände und Aufsichtsräte sollten ihn
    nachhaltig einsetzen.


Gastkolumne


Digitale Mauerbauer nötig

Aufsichtsräte müssen
shitstorm-reaktiv werden,
meint Manuel R. Theisen.

Der Autor ist geschäftsführender Herausgeber von
„Der Aufsichtsrat“. Lesen Sie mehr über den
Aufsichtsrat in der Februarausgabe.
theisen@aufsichtsrat.de

Reaktionen


auf


Social-


Media-


Attacken


müssen


von Vorstand


und


Aufsichtsrat


vorbereitet


werden.


REUTERS, Thorsten Jochim für Handelsblatt, imago/Chris Emil Janßen

Geldpolitik


Chance zum


Neuanfang


I

n kaum einem anderen Land
ist die Geldpolitik der Europäi-
schen Zentralbank (EZB) so
umstritten wie in Deutschland. Mit
der neuen EZB-Chefin Christine La-
garde verbinden sich Hoffnungen,
dass sich an der kritischen Wahr-
nehmung etwas ändert. Noch wich-
tiger für das Verhältnis der Deut-
schen zur EZB ist jedoch die neue
EZB-Direktorin Isabel Schnabel. Sie
wird ihre Rolle anders ausfüllen als
ihre Vorgängerin Sabine Lauten-
schläger, das hat sie in der vergan-
genen Woche gezeigt, als sie in ei-
nem Vortrag die Verrohung der
Sprache bei Kritikern der Geldpoli-
tik beklagte. Das bietet Chancen für
Deutschland und die EZB.
Bislang saßen mit Bundesbank-
Präsident Jens Weidmann und Lau-
tenschläger zwei Vertreter aus
Deutschland im EZB-Rat, die zu den
schärfsten Kritikern der lockeren
Geldpolitik zählen. Schnabel dage-
gen nimmt eine andere Rolle ein.
Mit ihr kommt erstmals seit langer
Zeit eine deutsche Vertreterin in
den Rat, die die Geldpolitik der EZB
im Land erklärt und verteidigt.
Bundesbank-Präsident Weidmann
kann diese Rolle schwer ausfüllen.
Auch für Deutschland bietet das
Chancen. Anders als Lautenschlä-
ger, die kaum Einfluss auf die Geld-
politik der EZB hatte, hat Schnabel
mit dem Ressort Märkte einen
Schlüsselposten inne. Sie ist für die
Umsetzung der Geldpolitik wie et-
wa die Anleihekäufe zuständig und
mit Chefolkswirt Philip Lane die
Einzige, die auf den Ratssitzungen
über die Lage an den Märkten refe-
riert und damit die Debatte stark
bestimmt. Die Mitglieder des EZB-
Rats sind zwar keine nationalen In-
teressenvertreter, dennoch spielt
ihre Prägung eine Rolle. Daher ist
es von Vorteil, wenn eine Deutsche
zum Machtzentrum der EZB gehört.
Zudem hilft dies auch, weit ver-
breiteter internationaler Kritik ent-
gegenzutreten. Deutschen Geldpoli-
tikern wird oft unterstellt, grund-
sätzlich alles abzulehnen. Der
frühere EZB-Chef Draghi hat das
einmal deutlich ausgesprochen, als
er auf Deutsch sagte, „Nein zu al-
lem“ sei keine Lösung. Über diesen
Vorwurf ist Schnabel erhaben.

Die neue EZB-Direktorin Isabel
Schnabel kann das schwierige
Verhältnis der Deutschen zur EZB
verbessern, glaubt Jan Mallien.

Der Autor ist Korrespondent in
Frankfurt.
Sie erreichen ihn unter:
mallien@handelsblatt.com

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MONTAG, 17. FEBRUAR 2020, NR. 33
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