Süddeutsche Zeitung - 11.03.2020

(Frankie) #1
von josef kelnberger

B


ei terroristischen Bedrohungsla-
gen ist es ein wichtiges Zeichen,
sich nicht zu Hause zu verkrie-
chen. Man stürzt sich ins Leben, man
zeigt keine Angst: In solchen Momenten
bewährt sich die freie Gesellschaft. Nun
hat sich die freie Gesellschaft einer ande-
ren epochalen Bedrohungslage zu stel-
len, einem Virus, und der beste Weg, der
Krise Herr zu werden, scheint diesmal
das Gegenteil zu sein: sich zurückneh-
men, im Zweifelsfall zu Hause bleiben.
Diese Verantwortung anzunehmen,
darin besteht in den Tagen der Corona-
Krise die Bewährungsprobe für jeden Ein-
zelnen. Aber auch für alle gesellschaftli-
chen Gruppen – nicht zuletzt die große
Gemeinde der deutschen Sportverbände,
die große Menschenmassen bewegen,
allen voran die Fußball-Bundesliga. Statt
in jeder einzelnen Stadt, in jedem einzel-
nen Bundesland auf staatliche Direkti-
ven zu warten, wäre es ein angemessenes
Zeichen, zu erklären: Wir spielen vor lee-
ren Rängen, aus Sorge um unsere Fans,
aus Sorge um die Alten und Kranken, die
von dem Virus besonders bedroht sind.
So würde der Spitzensport seiner Vorbild-
funktion gerecht und den Eindruck wi-
derlegen, er leide an grenzenloser Hybris.
Die unverbindliche Empfehlung von
Gesundheitsminister Spahn, alle Veran-
staltungen mit mehr als 1000 Besuchern
abzusagen, mag willkürlich klingen.
Aber die Zahl 1000 gibt eine gewisse Ori-
entierung und ist nach Meinung von Me-
dizinern sinnvoll. Daran sollten sich nun
alle halten in Politik, Kultur, Wirtschaft,
Sport. Es dauert nun, bis Spahns Vorgabe
durch das föderale deutsche System über
die Bundesländer hinein in die Kommu-
nen sickert; Bayerns Regierung setzt sie
nun sinnvollerweise um. Aber das muss
Veranstalter nicht daran hindern, selbst
Verantwortung zu übernehmen. Auch
wenn Absagen respektive das Aussper-
ren von Besuchern zur finanziellen Belas-
tung werden: Die Kosten einer eskalieren-
den Virenverbreitung könnten am Ende
sehr viel mehr schmerzen.


Es ist eine bittere Ironie der Geschich-
te, dass der chinesische Staatschef Xi sich
nun in Wuhan, wo die Epidemie ihren An-
fang nahm, angesichts stark sinkender
Zahlen von Neuerkrankungen als Corona-
Bezwinger inszeniert. Offensichtlich will
er damit die angebliche Überlegenheit
des autokratischen Systems demonstrie-
ren. Auch im Westen scheint es auf viele
Menschen eine gewisse Faszination aus-
zuüben, wie rigoros China Menschen iso-
lierte, das öffentliche Leben lahmlegte.
In den westlichen Ländern bewegt
man sich nun langsam in eine ähnliche
Richtung, beispielhaft in Italien, wo die
Regierung das ganze Land zur Sperrzone
erklärte – und selbst sogenannte Geister-
spiele wegen des Übertragungsrisikos
für Spieler und Betreuer verboten hat.
Der komplette italienische Sport ist vor-
erst ausgesetzt, auch die Serie A.
Nicht ausgeschlossen, dass auch
Deutschland zu solchen Maßnahmen
greifen muss. Aber Deutschland ist dann
noch längst nicht China. Die rechtlichen
Hürden, um die Bewegungsfreiheit einzu-
schränken, sind ungleich höher. Sperrzo-
nen werden nur funktionieren, wenn die
Menschen sich freiwillig daran halten.
Einfach mal zu Hause bleiben: Auch das
kann ein Ausdruck von Freiheit sein.


von christof kneer

München–Am Dienstagnachmittag ha-
ben die Verantwortlichen des FC Bayern
eine Sitzung abgehalten, wie sie sie in ihrer
120-jährigen Vereinsgeschichte wahr-
scheinlich noch nie abgehalten haben. Es
ging in dieser Sitzung nicht um neue Spie-
ler und nicht um neue Sponsoren, es ging
nicht um Ablösesummen oder Strategien
zur Bekämpfung der sportlichen Konkur-
renz. Nicht mal um Ultras ging es. Es ging
in dieser Sitzung einerseits recht allge-
mein um das Coronavirus, andererseits
ging es offenbar auch um eine sehr speziel-
le Rechenaufgabe. Offenbar ging es unter
anderem auch darum, nachzuzählen, wie
viele Menschen im Stadion sind, wenn nie-
mand im Stadion ist. Am Mittag hatte die
bayerische Staatsregierung erwartungsge-
mäß alle Veranstaltungen mit mehr als
1000 Besuchern zunächst bis Ende der Os-
terferien (einschließlich 19. April) unter-
sagt, diese würden „nicht mehr zugelas-
sen, das betrifft auch die ganzen Sportver-
anstaltungen“, sagte Ministerpräsident
Markus Söder (CSU) in München. Aller-
dings haben die Funktionäre des FC Bay-
ern bei ihrem Ministerpräsidenten dann
noch eine weitere Abstufung registriert:
Auch bei Veranstaltungen mit 500 bis 1000
Besuchern sei „größte Zurückhaltung“ ge-
boten, sagte Söder also, im Zweifel gelte
auch da: „Lieber absagen.“
Aus diesem Grund haben sich die Bay-
ern-Leute also die Frage stellen müssen,
ob mehr oder weniger als 500 Menschen
im Stadion sind, wenn niemand im Stadion
ist. Ein paar dienstbare Geister braucht ja
auch so ein Geisterspiel, zum Beispiel zwei
Mannschaften, ein Schiedsrichter-Team,
Trainer- und Betreuerstäbe inklusive Mas-
seure, Zeugwarte, Köche etc.; dazu Funkti-
onäre in allen Formen und Farben, sehr
umfangreiche Fernseh- und Kamera-
Teams, mediale Rechte-Inhaber und medi-
ale Nicht-Rechte-Inhaber und im Übrigen
auch Security, die sicherstellen muss, dass

nicht doch ein paar Zuschauer den Weg ins
Stadion suchen oder sogar finden ...
Die Bundesliga ist alt, der FC Bayern ist
noch älter, aber mit solchen Details gibt es
bisher keinerlei Erfahrungswerte. Und so
haben sie sich in der Fußballabteilung des
FC Bayern verständlicherweise Zeit genom-
men, um an einer passenden Erklärung zu
feilen, und am frühen Dienstagabend er-
klärte der Klub dann schon mal auf seiner
Homepage, dass das Spiel gegen Chelsea
am kommenden Mittwoch hinter ver-

schlossenen Türen stattfinde: „Damit
setzt der FC Bayern die Verfügung der bay-
erischen Staatsregierung um, die zum
Schutz der Bevölkerung erlassen wurde.
Ziel ist es, das Risiko einer Ansteckung mit
dem Coronavirus zu minimieren.“
Natürlich wissen sie bei Bayern, dass es
überhaupt nichts bringt, sich nun vorzu-
stellen, wie schön das wäre: das Rückspiel
im Achtelfinale der Champions League ge-
gen den FC Chelsea (18. März) und ein mög-
liches Viertelfinal-Heimspiel ebenso vor
der gewohnten Rekordkulisse auszutra-
gen wie die Liga-Heimspiele gegen Ein-
tracht Frankfurt (22. März) und Fortuna
Düsseldorf (11. April). Es werden nun eben
sogenannte Geisterspiele werden, man sei
sich seiner gesellschaftlichen Verantwor-
tung natürlich sehr bewusst, heißt es beim
Verein. Auch der Deutsche Fußball-Bund
(DFB) empfing am Dienstagnachmittag ei-
ne Nachricht aus Bayern, die er umgehend
an die Öffentlichkeit weiterreichte: Das
Länderspiel zwischen Deutschland und Ita-
lien am 31. März in Nürnberg müsse „nach
aktuellem Planungsstand ohne Zuschauer
im Stadion stattfinden“, meldete der DFB;
darüber sei der Verband am Dienstag von
der Stadt Nürnberg informiert worden.
Über allem stehe die Gesundheit, erklär-
te DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius
im offiziellen Verbands-Kommuniqué,
man befinde sich „im täglichen und inten-
siven Kontakt mit den zuständigen Stel-
len“ und vertraue auf deren Expertise. Die
Behörden hätten nun „klare Vorgaben ge-
macht, für die wir in dieser für uns schwie-
rigen und komplexen Frage sehr dankbar
sind. Auch wenn es natürlich bitter ist,
dass dieser Klassiker vor leeren Rängen
stattfinden muss“. Ob das DFB-Testspiel
in Spanien (26.3.) – ein weiterer Klassiker


  • wie geplant in Madrid zur Austragung
    kommt, will der spanische Fußballver-
    band RFEF am Freitag entscheiden.
    Auch weit gereiste Fußballprofis ma-
    chen gerade Erfahrungen, von denen sie
    nie gedacht hätten, dass sie sie mal ma-


chen würden. Keiner von ihnen weiß, wie
es sich anfühlt, in einem leeren Stadion
das Ploppen des eigenen Schusses zu hö-
ren, aber zumindest die Profis des FC Bay-
ern werden sich am Wochenende noch mal
einprägen können, wie sich Fußball mit Zu-
schauern anfühlt. Der FC Union Berlin
wird die Bayern am Samstag im vollen Sta-
dion erwarten, so haben es die Behörden
im Bezirk Treptow-Köpenick entschieden


  • unter Berücksichtigung „eines „umfas-
    senden Maßnahmenkatalogs des Vereins
    zur Hygiene im Stadion und zur Präventi-
    on vor und während der Veranstaltung“. So
    klingt er, der Fußball im März 2020.


Die Ausbreitung des Coronavirus sorgt für
zunehmendeSpekulationen um eine mög-
liche Verschiebung der Fußball-EM in den
Sommer 2021 und eine Aussetzung der
Champions League und Europa League.
Wie mehrere internationale Medien am
Dienstag berichten, wächst der Druck auf
Uefa-Chef Aleksander Ceferin, eine Tur-
nierverschiebung vorzunehmen. Hinter-
grund ist die Sorge nationaler Verbände
und Ligen, dass sie ihre Meisterschafts-
wettbewerbe nicht wie geplant bis Mitte
Mai beenden können. Die Uefa wies alle
Gerüchte zurück. „Die Euro 2020 startet
am 12. Juni 2020 in Rom. Die Uefa steht be-
züglich des Coronavirus und seiner Ent-
wicklung mit den zuständigen internatio-
nalen und lokalen Behörden in Kontakt.
Der geplante Zeitplan muss nicht geän-
dert werden“, hieß es auf Anfrage. Drei Mo-
nate vor dem geplanten EM-Start wird
das Playoff-Spiel am 26. März zwischen
der Slowakei und Irland unter Ausschluss
der Öffentlichkeit stattfinden. Es ist eines
von vier Ausscheidungsduellen um die
noch vakanten vier Turnierplätze. Für die
Partie Bosnien-Herzegowina – Nordirland
wurde der Ticketverkauf gestoppt. DPA

München– Der EHC Red Bull München
wäre zweifellos ein würdiger Titelträger ge-
wesen. Das Team von Trainer Don Jackson
hat die Hauptrunde der Deutschen Eisho-
ckey Liga (DEL) mit 108 Punkten als Erster
vor Titelverteidiger Adler Mannheim (102)
abgeschlossen und sich zum sechsten Mal
in Serie für die Champions League qualifi-
ziert. Aber so zu gewinnen? Immerhin ging
es um die 100. deutsche Meisterschaft in
der Geschichte.
Die Entscheidung der bayerischen
Staatsregierung, wegen des Coronavirus
Veranstaltungen mit mehr als 1000 Zu-
schauern nicht mehr zuzulassen, traf die
DEL am Dienstag härter als jeder Body-
check; auch Bremen, Schleswig-Holstein
und Nordrhein-Westfalen haben Veranstal-
tungen dieser Größenordnung untersagt.
Damit waren sieben der zehn Playoff-Teil-
nehmer (Nürnberg, Ingolstadt, Augsburg,
Straubing, München, Bremerhaven und
Düsseldorf) von der Regelung betroffen.
Die Maßnahme gelte vorerst „bis zum En-
de der Osterferien“, erklärte Bayerns Minis-
terpräsident Markus Söder am Dienstag –
bis 19.April also. Nicht nur die erste Playoff-
Runde, die an diesem Mittwoch mit den
Paarungen Ingolstadt gegen Augsburg
und Nürnberg gegen Wolfsburg beginnen
sollte, stand somit zur Disposition, son-
dern die gesamten Playoffs – die Finalserie
sollte am 17. April beginnen. Stundenlang
berieten die 14 DEL-Gesellschafter am
Dienstag in Telefonkonferenzen – mög-
liche Alternativen waren, die Spiele unter
Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden
zu lassen oder die Zuschauerzahl zu be-
grenzen. Am Abend verkündeten sie dann
ihren Beschluss, die Saison vorzeitig zu be-
enden. Die Playoffs 2020 fallen aus.
„Dass wir die Entscheidung so treffen
müssen, tut uns für alle Klubs, Partner und
insbesondere Fans in ganz Deutschland un-
heimlich leid. Wir haben aber angesichts
der aktuellen Entwicklungen die Pflicht,
verantwortungsvoll mit der Situation um-
zugehen“, wird DEL-Geschäftsführer Ger-
not Tripcke in einer Mitteilung der Liga zi-
tiert. „Wir als DEL stellen die Gesundheit
von unseren Fans, Spielern und Mitarbei-
tern in den Fokus.“ Und, ach so: „Aufgrund
der vorzeitigen Beendigung der Saison
gibt es in diesem Jahr keinen deutschen
Meister.“ Fans, die im Vorverkauf bereits
Tickets erworben haben, sollen ihr Geld zu-
rückerhalten. Details sollen am Mittwoch
in einer Pressekonferenz in Köln folgen.
Nicht nur in München reagierten die Ver-
antwortlichen der Klubs mit professionel-
ler Besonnenheit. „Der EHC Red Bull Mün-
chen begrüßt die Entscheidung der DEL.
Gesundheit und Sicherheit stehen vor
sportlichen oder wirtschaftlichen Interes-
sen“, hieß es beim dreimaligen deutschen
Meister. Den vierten DEL-Titel eventuell
am Kabinettstisch statt auf dem Eis zu er-
halten, wäre ein Titel ohne Glanz gewesen.
Auch in der DEL2 ist der Spielbetrieb
mit sofortiger Wirkung eingestellt. Ge-
schäftsführer René Rudorisch sagte: „Gera-
de in Folge einer so spannenden und sport-
lich extrem ausgeglichenen Saison, wie
wir sie in der Hauptrunde erleben durften,
tut uns dieses vorzeitige Ende der Saison
weh und wir bedauern dies für die gesamte
DEL-2-Familie. Allerdings gehen auch an
uns behördliche Vorgaben und aktuelle
Entwicklungen nicht vorüber.“ Die Löwen
Frankfurt stehen als Hauptrundensieger
fest. Auch in der DEL2 gibt es keinen Meis-
ter und auch keinen sportlichen Absteiger.
Auch internationale Turniere sind von
der Epidemie betroffen. Die vom 31. März
bis 10. April in Kanada geplante WM der
Frauen ist abgesagt. Das Turnier der Män-
ner (8.bis 24. Mai) in der Schweiz steht auf
der Kippe. Abgesehen von Einreisebestim-
mungen, die sich nahezu stündlich ändern
und die Nominierung zur Lotterie werden
lassen würden, sagte René Fasel, Präsident
des Weltverbands IIHF: „Wenn sich das Vi-
rus weiter ausbreitet, werden wir die WM
ausfallen lassen. Für mich ist es undenk-
bar, 64 WM-Spiele ohne Zuschauer zu be-
streiten.“ johannes schnitzler

DEFGH Nr. 59, Mittwoch, 11. März 2020 (^) SPORT HF2 29
EM-Debatten
Köln– Niemand war mehr überrascht von
der Ansage, dennoch schlug sozusagen ei-
ne historische Stunde, als die Stadt Mön-
chengladbach am Dienstagvormittag mit-
teilte, das Nachholspiel zwischen Borussia
Mönchengladbach und dem 1. Köln am
nächsten Tag müsse ohne Zuschauer aus-
getragen werden. Zwar hat sich in all den
Jahren in den deutschen Fußballstadien
immer wieder Gespenstisches abgespielt –
aber ein Geisterspiel, das hat es noch nicht
gegeben seit der Gründung der Bundesliga



  1. „Wir bedauern das sehr, folgen aber
    selbstverständlich den Vorgaben des Lan-
    des“, drückte Mönchengladbachs Oberbür-
    germeister Hans Wilhelm Reiners sein Mit-
    gefühl aus. Dieser Eintrag ins Geschichts-
    buch macht keinen der Beteiligten froh.
    „Jetzt ist der Tag eingetreten, den wir
    uns alle nicht gewünscht haben“, sagte
    Gladbachs Geschäftsführer Stephan Schip-
    pers, der vor allem an die finanziellen Fol-
    gen dachte: „Das trifft den Verein bis ins
    Mark.“ Käufer von Tickets bekommen ihr
    Geld zurück. Über das Prozedere soll in der
    kommenden Woche entschieden werden.
    Laut Schippers gehen dadurch Einnahmen
    in Höhe von rund zwei Millionen Euro ver-
    loren. Eine Versicherung gegen den Ein-
    nahmeausfall gibt es nicht.


Der unwillkommenen Premiere im Bo-
russia-Park folgt am Freitagabend die
nicht weniger unerwünschte Fortsetzung
in Düsseldorf, wo ebenfalls eine Art Derby
ansteht: Es ist ein Duell unter Tabellen-
nachbarn, die Fortuna und der SC Pader-
born kämpfen gegen den Abstieg, auf die
gewichtige Unterstützung ihrer Fans müs-
sen die Hausherren nun verzichten. Glei-
ches gilt für Borussia Dortmund, wenn am
Samstag Schalke 04 zum anderen großen
Klassiker des Westens antreten wird. „Es
geht hier wirklich um Leben und Tod für
die Zuschauerinnen und Zuschauer“, sagte
Dortmunds Oberbürgermeister Ulrich Sie-
rau, und dies sei keine Panikmache, son-
dern eine nüchterne Einschätzung. Des-
halb wird die weltberühmte gelbe Wand
diesmal grau sein, und wo üblicherweise
25000 schwarz-gelbe Gesinnungsgenos-
sen auf der Südtribüne beisammenstehen,
wird sich Leere ausbreiten. Gleiches Bild
zur gleichen Geisterstunde im Müngers-
dorfer Stadion: Wenn Achim Beierlorzer
als Trainer des FSV Mainz 05 nach Köln zu-
rückkehrt, wo er bis November beschäftigt
war, wird er die prächtige Stimmung ver-
missen, die er früher immer gepriesen hat.
Aber wenn es nun überall heißt, dass die
Bundesliga in NRW ohne Fans auskom-

men muss, dann stimmt das nicht ganz:
Während die FC-Männer gegen Mainz vor
leeren Rängen spielen müssen, dürfen die
FC-Frauen am nächsten Tag all ihre Fans
begrüßen. Die Erlaubnis beruht allerdings
darauf, dass beim Nachholspiel des Tabel-

lenvorletzten gegen FF USV Jena (Letzter)
laut DFB „deutlich weniger als 1000 Zu-
schauer erwartet werden“, die von den Ge-
sundheitsbehörden bezifferte definierte
Grenze also nicht erreicht wird.
Problematischer ist die Situation in der

Regionalliga West, Heimat etlicher Traditi-
onsvereine. Rot Weiß Essen hat durch-
schnittlich 10000 Zuschauer und gründet
darauf Lebensstandard und Budget. Müss-
te die Partie gegen Schalkes Zweitvertre-
tung am Samstag ohne Publikum ausgetra-
gen werden, wäre das „der Worst Case“,
sagte Vorstandsmitglied Marcus Uhlig der
ZeitschriftElf Freunde. Zu den Ticketein-
nahmen kämen auch die Erlöse aus dem
Fanshop und der Verköstigung, die offen-
bar einen guten Anteil am Ertrag hat. Uhlig
erklärte: „Wir haben hier in Essen einen
sehr hohen Bier-pro-Kopf-Konsum – viel-
leicht sogar den höchsten in Deutschland.“
Der federführende Westdeutsche Fuß-
ballverband (WDFV) erklärte am Dienstag
aber, dass es keine Geisterspiele geben
soll. Sollten die Gesundheitsämter entspre-
chende Verfügungen treffen, werde man
die Spiele absagen und vertagen.
Doch wie lange wird man diese Handha-
bung fortsetzen können? Wenn diesmal Es-
sen, Fortuna Köln und der Wuppertaler SV
betroffen wären, dann wären es am nächs-
ten Spieltag Alemannia Aachen und Rot
Weiß Oberhausen.
Bei der Dortmunder Borussia stellt man
sich darauf ein, dass die Situation in nächs-
ter Zeit nicht besser wird und auch beim

Spitzenspiel gegen den FC Bayern am
4.April die Zuschauer ausgeschlossen wer-
den. Allein das Derby gegen Schalke werde
dem BVB drei Millionen Einnahmeausfall
einbringen, sagte Sportchef Michael Zorc.
In Mönchengladbach warfen die Verant-
wortlichen die Frage auf, wie kleinere
Klubs die Situation verkraften könnten:
„Betrifft das ein Spiel, werden das mehrere
Spiele sein? Wo führt das hin?“, sagte Schip-
pers. „Borussia Mönchengladbach wird es
weiter geben“, fügte Sportchef Max Eberl
hinzu. Aber: „Ich weiß nicht, was das für
Auswirkungen für kleinere Vereine in der
zweiten und dritten Liga hat.“
Die Notwendigkeit, ohne Zuschauer
spielen zu lassen, hatte das Gesundheits-
amt Mönchengladbach vor dem Spiel ge-
gen Dortmund (1:2) am vergangenen Sams-
tag noch nicht gesehen. Und dies, obwohl
im nur wenige Kilometer entfernten Kreis
Heinsberg die bislang höchste Anzahl von
Coronavirus-Infektionen bekannt wurde.
Doch nun wird NRW-Ministerpräsident Ar-
min Laschet (CDU) der Empfehlung seines
Amtskollegen Jens Spahn aus Berlin nach-
kommen und einen entsprechenden Er-
lass im Kabinett ausarbeiten. Ermessens-
spielraum für die Kommunen gibt es da-
mit nicht mehr. philipp selldorf

Bundesliga


Nachholspiel vom 21. Spieltag
Bor. Mönchengladbach – 1. FC Köln# Mi. 18.30


  1. Spieltag
    Fortuna Düsseldorf – SC Paderborn# Fr. 20.30
    Borussia Dortmund – FC Schalke 04# Sa. 15.30
    TSG Hoffenheim – Hertha BSC# Sa. 15.30

  2. FC Köln – FSV Mainz 05# Sa. 15.30
    RB Leipzig – SC Freiburg Sa. 15.30
    Union Berlin – FC Bayern München Sa. 18.30
    Eintracht Frankfurt – Mönchengladbach So. 15.30
    FC Augsburg – VfL Wolfsburg# So. 18.00
    Werder Bremen – Bayer 04 Leverkusen# Mo. 20.30

    „Geisterspiele“ ohne Zuschauer.



    1. (1) FC Bayern München 25 17 4 4 73:26 55

    2. (3) Borussia Dortmund 25 15 6 4 68:33 51

    3. (2) RB Leipzig 25 14 8 3 62:26 50

    4. (5) Bayer Leverkusen 25 14 5 6 45:30 47

    5. (4) Mönchengladbach 24 14 4 6 47:29 46

    6. (6) FC Schalke 04 25 9 10 6 33:36 37

    7. (7) VfL Wolfsburg 25 9 9 7 34:30 36

    8. (9) SC Freiburg 25 10 6 9 34:35 36

    9. (8) TSG Hoffenheim 25 10 5 10 35:43 35
      10.(11) 1. FC Köln 24 10 2 12 38:43 32
      11.(10) Union Berlin 25 9 3 13 32:41 30
      12.(12) Eintracht Frankfurt 24 8 4 12 38:41 28
      13.(14) Hertha BSC 25 7 7 11 32:48 28
      14.(13) FC Augsburg 25 7 6 12 36:52 27
      15.(15) FSV Mainz 05 25 8 2 15 34:53 26
      16.(16) Fortuna Düsseldorf 25 5 7 13 27:50 22
      17.(17) Werder Bremen 24 4 6 14 27:55 18
      18.(18) SC Paderborn 25 4 4 17 30:54 16




FUSSBALLSPIELE

Einfach mal


zuHause bleiben


Folgen der Coronavirus-EpidemieGeisterspiele in der Bundesliga, vorzeitiges Saisonende im Eishockey


Einmal durchzählen bitte!


Wie viele Menschen sind im Stadion, wenn niemand im Stadion ist? Nach dem Beschluss der Landesregierung muss
sich der FC Bayern auf Geisterspiele in der Arena einstellen – die Partie beim FC Union findet noch vor Publikum statt.
Das Länderspiel gegen Italien in Nürnberg soll dagegen unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgetragen werden

Playoffs abgesagt


DieDeutsche Eishockey Liga trifft das
Veranstaltungsverbot besonders hart

Die gelbe Wand bleibt grau


In NRW finden vorerst alle Erstligaspiele ohne Zuschauer statt, auch das Derby BVB gegen Schalke – offen bleibt, ob Klubs in tieferen Ligen eventuelleGeisterspiele finanziell verkraften könnten


Achtung, Geisterspiel: Als Aachen im Jahr 2004 gegen Nürnberg unter Zuschauer-
ausschluss spielen musste, verirrte sich ein Gespenst auf die Tribüne. Das wird
bei den Geisterspielen im Jahr 2020 nicht mehr passieren. FOTO: SVEN SIMON / IMAGO

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 sz.de/sportpodcast

Nicht ausgeschlossen, dass auch


Deutschland einen ähnlichen


Weg wie Italien gehen muss


Wo man hinsieht, sieht man nichts; jedenfalls keine Zuschauer – ein Bild, an das sich die Bundesliga gewöhnen muss. FOTO:KATHRIN BRUNNHOFER / DPA
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