Der Spiegel - ALE (2022-01-08)

(EriveltonMoraes) #1
in Sachsen nur marginal für den
SPIEGEL. Ihren prozentualen Anteil
an den SPIEGEL-Lesern in ganz
Deutschland kann man ebenfalls an
einer Hand abzählen, und man
braucht dafür nicht einmal alle fünf
Finger. Der SPIEGEL befindet sich da-
mit in bester West-Gesellschaft: Zählt
man in Sachsen die tägliche verkauf-
te Auflage von »Süddeutscher Zei-
tung«, »Frankfurter Allgemeiner Zei-
tung« und »Welt« zusammen, kommt
man auf eine vierstellige Zahl. Bei
vier Millionen Menschen, die in Sach-
sen leben. In ganz Ostdeutschland
verkauft der SPIEGEL neun Prozent
seiner gedruckten Inlandsauflage, bei
einem Bevölkerungsanteil der Ost-
deutschen von 20 Prozent.
Natürlich hat eine Regionalzeitung
Heimvorteil. Zumal ich im Gespräch
mit Leserinnen und Lesern schnell
feststellte, wie viel es ihnen bedeutet,
wenn ihr Gegenüber einer von ihnen
ist. Aber nicht einmal das hilft bei den
ganz Harten. Zur Wahrheit gehört,
dass es hier viele Menschen gibt,
denen auch wir als »Freie Presse«
kaum näherkommen als der SPIEGEL.
Etablierte Medien werden von ihnen
mit dem Staat und seinen Institutio-
nen gleichgesetzt – in der Deutung
dieser Leute ein einziger, im Gleich-
klang tickender Koloss, der undurch-
sichtige Ziele verfolgt.
Wir begegnen diesen Menschen
jeden Tag, auf den Facebook-Seiten
der »Freien Presse«. Zu erkennen
sind sie zuverlässig an dem Lach-
Emoji, mit dem sie auf Coronabeiträ-
ge reagieren. Hinter nahezu jedem
dieser Emojis verbirgt sich ein mehr
oder weniger verstörendes Nutzer-
profil, bei dem man selten lange su-
chen muss, bis alles klar ist. »Ich
scheiß auf solidarisch, ich bin solide
arisch« – solche Sprüche sind dort als
Profilbild zu sehen.
Aber längst nicht alle Sachsen sind
hoffnungslose Fälle. Deshalb ist es so
fatal, die Menschen im Osten in der
Berichterstattung immer wieder auf
ihre übelsten und radikalsten Ver-
treter zu reduzieren – und sei es da-
durch, dass man die anderen weit-
gehend ignoriert.

W


er über das Ost-Bild des
SPIEGEL nachdenkt, kommt
an Alexander Osang nicht
vorbei. Jahrelang hat er als SPIEGEL-
Reporter den Lesern den Osten er-
klärt, wie man so schön sagt. Viel-
leicht ging man in Hamburg davon
aus, dass mit diesem Spitzenautor die
Baustelle Ost weitgehend abgedeckt
sei. Im Dezember 2017 führte Osang
ein Gespräch mit zwei Kollegen der

führt, dass intensiver und interes-
sierter auf Sachsen geschaut wurde
als je zuvor.

D


ass damit aber nicht schlagartig
alles anders und besser wurde,
davon zeugte im Jahr darauf
ein SPIEGEL-Titel. »So isser, der Ossi«
stand auf dem Cover. Und für das
informierte Publikum war dazu noch
ein Mann mit Anglerhut in Schwarz-
Rot-Gold abgebildet. So einen Ang-
lerhut, muss man wissen, hatte ein
vermeintlich typischer Sachse getra-
gen, der am Rande des Besuchs von
Bundeskanzlerin Angela Merkel in
Dresden bei einer Pegida-Demonstra-
tion ein Fernsehteam aggressiv an-
gegangen war. Der Mann, der schnell
als »Hutbürger« berühmt wurde, ent-
puppte sich zu allem Überfluss auch
noch als Mitarbeiter des Landeskri-
minalamts. Und die filmenden Jour-
nalisten wurden ohne ersichtlichen
Grund von Polizisten 45 Minuten
lang festgehalten. Das ganze miese
Bild von Sachsen, komprimiert in
einem einzelnen Ereignis.
Das Titelbild war eine Zumutung.
»So isser, der Ossi.« Stirnrunzeln war
in meinem Umfeld noch die freund-
lichste Reaktion auf dieses Cover.
Schlimm an dem Ossi-Titel war,
dass sich dahinter ein hervorragender
Text verbarg. Autor Steffen Winter
hatte ein kluges und komplexes Por-
trät Ostdeutschlands und seiner Be-

»Zeit«, in dem es auch um seine Rol-
le als Ost-Versteher ging. »Neulich
fragte mich in der SPIEGEL-Konferenz
jemand: Herr Osang, jetzt erzählen
Sie uns doch mal, was ist denn da im
Osten eigentlich los?«, sagte Osang.
»Und ich dachte, woher soll ich das
wissen.« Gewiss steckt in dieser Epi-
sode auch eine gewisse Koketterie.
Aber vor allem der wahre Kern, dass
ein Osang allein noch keine umfas-
sende Ost-Expertise macht. Den Os-
ten erklären müssen – pure Überfor-
derung.
Dass ein genauer, offener Blick auf
die ostdeutschen Problemzonen ge-
lingen kann, zeigt das Jahr 2018.
Über Wochen richteten Redaktionen
aus ganz Deutschland und darüber
hinaus ihre Aufmerksamkeit gen
Chemnitz. Die rechtsextremen und
rassistischen Ausschreitungen nach
einer tödlichen Attacke durch einen
Asylbewerber warfen Fragen auf, die
sich ohne tiefere Kenntnis der säch-
sischen Verhältnisse nicht beantwor-
ten ließen. Die Proteste hatten zudem
ein Ausmaß, das dringend nach Ein-
ordnung verlangte. Was ich erlebt
habe, war ehrliches Interesse und mit
teilweise großem Aufwand betrie-
bene Recherche. Ein, zwei Wochen
war die »Freie Presse« eine Art Dreh-
kreuz für Kolleginnen und Kollegen
aus anderen Redaktionen, die sich
ein genaues Bild machen wollten. Die
Dramatik der Lage hatte dazu ge-

»Das ganze
miese Bild
von Sach-
sen, kom-
primiert
in einem
einzelnen
Ereig nis.«

Graffiti an der
Berliner Mauer 2009

Rainer Jensen / picture-alliance / dpa

TITEL

Nr. 2 / 8.1.2022DER SPIEGEL 69

75 JAHRE DER SPIEGEL TITEL

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