SEITE 34·SAMSTAG, 31. AUGUST 2019·NR. 202 Briefe an die Herausgeber FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG
Zum Artikel „Zur Zukunft der Demokra-
tiein Amerika“ (F.A.Z. vom 24. August):
Über Frido Manns wenig reflektierte Lob-
rede auf das Amerika seiner jungen Jahre
darf man sich schon wundern. Natürlich
beeindruckt die geschickte politische Rhe-
torik der amerikanischen Verfassung je-
den Leser. Aber war die politische und ge-
sellschaftliche Wirklichkeit des Landes je
im Einklang mit den Buchstaben der Ver-
fassung? Hat sich diese nicht von Anfang
an durch den Umgang mit den indigenen
Völkern des Kontinents und mit dem Ras-
sismus gegenüber den aus Schwarzafrika
ins Land geholten, als Sklaven gehaltenen
Mitbürgern völlig diskreditiert? Sind die
Bewohner der Indianer-Reservate und der
schwarzen Slums der Großstädte nicht
auch heute noch de facto unterdrückte, ih-
rer demokratischen Rechte beraubte Min-
derheiten?
So wie die Vereinigten Staaten heute be-
schaffen sind, daran sollte man sich gele-
gentlich erinnern, könnten sie nicht ein-
mal Mitglied der EU werden – ein Land,
das auch heute noch die Todesstrafe prakti-
ziert, das der Waffenlobby der NRA hörig
ist, dessen Regierungen das Land hem-
mungslos verschulden (mit einem Defizit,
das im laufenden Fiskaljahr nur knapp die
Billion Dollar unterschreitet), das auch als
Volkswirtschaft ständig über seine Ver-
hältnisse lebt (mit einem jährlichen Leis-
tungsbilanzdefizit von fast einer halben
Billion Dollar), hätte kaum eine Chance,
in die EU aufgenommen zu werden. Ame-
rika ist eigentlich nach unseren Maßstä-
ben kein zivilisiertes Land.
Und es ist schon gar kein friedliebendes
Land – Frido Mann lobt in seinem Text
Roosevelts größtes „Geschick, seine eher
isolationistisch gestimmte Nation in den
Zweiten Weltkrieg“ hineinzumanövrie-
ren. Die vierhunderttausend Mütter, die
ihre Söhne dank Roosevelts „Geschick“ be-
trauern mussten, sahen wohl kaum einen
Grund, ihm dafür dankbar zu sein. Kein
anderes Land der Welt hat in den letzten
Jahrzehnten so viele und so grausame
Kriege geführt wie die Vereinigte Staaten.
Man erinnere sich an die Zerstörung der
Städte Nordkoreas in einem Bombenkrieg
gegen die Zivilbevölkerung, schlimmer
noch als im Zweiten Weltkrieg gegen
Deutschland, an die Bombardierungen
Nordvietnams, an das massenhafte Ver-
sprühen von Giftstoffen zur Entlaubung
der Wälder und an die Napalmbomben,
auch hier mehr gegen die Zivilisten als ge-
gen Kombattanten, an den Afghanistan-
Krieg, der in keinem auch nur entfernt an-
gemessenen Verhältnis zu seinem Anlass
stand, und an den durch gar nichts gerecht-
fertigten, nur mit Lug und Trug begründe-
ten Irak-Krieg.
Auch die Kriegführung der Vereinigten
Staaten im Zweiten Weltkrieg lässt an der
Großartigkeit seiner demokratischen Ord-
nung manche Zweifel zu: Sich mit Stalin,
der Hitler an Niedertracht noch übertraf,
zu verbünden war für ein sich demokra-
tisch nennendes Land eine unsägliche
Schande. Schändlich auch die Kriegfüh-
rung der Vereinigten Staaten, lange Zeit
nicht gegen die Heere Hitlers, sondern ge-
gen die Zivilbevölkerung mittels der Flä-
chenbombardements zur Vernichtung der
deutschen Städte, und die Ermordung
Hunderttausender, vorwiegend Frauen,
Greise und Kinder, beim Abwurf der
Atombomben in Japan.
Wenn es Demokratie ist, die die Regie-
rungen eines Landes zu solchem Verhal-
ten führt, dann sollte man sich davor eher
fürchten. Zum Glück haben wir in Europa
eine andere, ehrlichere, nicht so doppel-
züngige Auffassung von Demokratie. Viel-
leicht leistet ja auch das neue Begegnungs-
zentrum im einstigen Haus Thomas
Manns in Pacific Palisades einen Beitrag
zur Etablierung friedliebenden demokrati-
schen Denkens in Amerika.
Anders als Frido Mann es sieht, meine
ich, Amerika sollte von Europa lernen,
nicht umgekehrt. Neu ist das alles übri-
gens nicht – schon das Deutsche Reich Wil-
helms des Zweiten war ein im Vergleich
mit den Vereinigten Staaten von damals
weitaus zivilisierterer Staat.
PETER SCHWEIZER, BERLIN
Kein friedliebendes Land
Zu „Hier lebte die Größe dieses Landes“
(F.A.Z. vom 19. August) von Paul Ingen-
daay: Der Autor hat recht: Unsere Anglo-
philie ist robust und hält viel aus, auch
wenn wir sie nicht mit Rosamunde Pil-
cher und „Downton Abbey“, sondern
zum Beispiel mit „Der Doktor und das lie-
be Vieh“, The Jam, Pulp und Blur entwi-
ckelt haben. Und auch nachdem die Neo-
Ska-Band The Specials damals in den
Achtzigern in ihrem Hit „Ghost Town“
eindringlich vor dem bösen Thatcher-
England gewarnt und die Ausbeutung in
„Maggies Farm“ beklagt hat, trugen wir
weiterhin stolz Docs und Fred Perry.
Und deshalb war die Lektüre von Ingen-
daays Feuilleton-Aufmacher natürlich
Pflicht! Aber was müssen wir hier lesen?
Alles originär Britische sei im Nieder-
gang begriffen, und schuld seien – na, wer
oder was wohl? – Boris Johnson und der
Brexit. Wir lesen von leidenden Schaf-
züchtern, denen der böse Boris dem-
nächst mit seinem No-Deal-Brexit die
schönen Geschäfte vermasseln werde.
Die britischen Bauern exportierten bis-
lang 60 Prozent ihres Geflügel-, Rind-
und Lammfleisches in die EU. Und die
Hälfte ihres Einkommens beruhe auf EU-
Subventionen. Nach dem Brexit dann –
leider, leider – nicht mehr, dafür werde
mit Anbietern wie den Vereinigten Staa-
ten und Brasilien (ebenfalls von schlim-
men Fingern Marke „Boris“ regiert!) „wil-
dester Kapitalismus“ in merry old Eng-
land einziehen.
Das hat Ingendaay ausgerechnet dem
linken „Guardian“ entnommen. Uns
macht das stutzig: Wenn die englischen
Bauern mit der EU so erfolgreich waren,
warum dann die Subventionen? Was wird
denn damit ausgeglichen? Wir hegen den
Verdacht, dass Ingendaay uns etwas ver-
schweigt. Produzieren die Briten etwa
kein Schweinefleisch? Und siehe da: Eine
kurze Recherche hat uns gezeigt, dass die
größten Exporteure von Schweinefleisch
nach Großbritannien einige EU-Staaten
und vor allem Deutschland sind! Na, so
was! Dann wäre das doch die Hoffnung
für die britischen Farmer: Boris, überneh-
men Sie! Zölle auf die deutschen Schwei-
ne und die britische Produktion umstel-
len. Wäre doch gelacht, wenn der No-
Deal kein Erfolg würde und die Briten
den linken deutschen Lücken-Journalis-
ten nicht zeigen könnten, was eine echt
englische Harke ist.
DR. STEFAN HOFFMANN, MANNHEIM
Zu Ihrer engagierten Berichterstattung
über geplante Veränderungen beim Kultur-
sender hr2 möchte ich anmerken, dass mir
ein paar Fakten fehlen. Als Hörer teile ich
die Auffassung, dass es sich um ein attrak-
tives und hochwertiges Programmangebot
handelt, dennoch muss es erlaubt sein,
auch grundlegende Veränderungen zu er-
wägen. Dabei müssen selbstverständlich
die Hörerinnen und Hörer eine zentrale
Rolle spielen. Wie sieht es mit der Reich-
weite – im Vergleich zu anderen Kultursen-
dern – aus? Wie hoch ist der Anteil derje-
nigen, die inzwischen weniger einem star-
ren linearen Programmschema folgen,
sondern sich aus diesem Angebot ihr eige-
nes Programm per Download zusammen-
stellen? Diese veränderten Hörgewohnhei-
ten entwerten das Programmangebot in
keiner Weise, haben aber bei mir dazu ge-
führt, dass sich der lokale und regionale
Kontext auflöst.
Ist es wirklich notwendig, durch viele
parallellaufende oder zeitlich versetzte
Wiederholungen eine inhaltliche Vielfalt
zu suggerieren, die so gar nicht existiert?
Wäre es nicht an der Zeit, dem Gedanken
näher zu treten, dass die Kultursender un-
tereinander in einem Wettbewerb stehen,
der an Intensität wahrscheinlich noch zu-
nehmen wird?
PROFESSOR JÜRGEN-FR. HAKE, JÜLICH
Den Artikel „Wie viel Fahrrad darf’s
denn sein?“ von Walter Wille, dass die
Fahrrad-Infrastruktur in Deutschland
größtenteils unzureichend ist, kann ich
als täglicher Radler nur bestätigen
(F.A.Z. vom 28. August). Was ich jedoch
gerade in Frankfurt als schlimmstes Übel
empfunden habe, ist der Mangel an Ab-
stellmöglichkeiten (von Unterstellmög-
lichkeiten ganz zu schweigen) mit Vor-
richtungen zum Anketten. So wurden
mir, trotz Absperren mit teuersten Schlös-
sern, in vierzehn Jahren sechs Fahrräder
gestohlen. Die Polizei konnte nur eines
davon wiederfinden.
SABINE SIOL, DIEDORF
Zu Helene Bubrowskis Bericht über „Maa-
ßen und das Chemnitz-Video“ (F.A.Z.
vom 16. August): Es liegt mir fern, den
ehemaligen Verfassungsschutzpräsiden-
ten Hans-Georg Maaßen zu bewerten
oder zu verteidigen. Es stört mich aber,
wenn in der F.A.Z., die ich wegen ihrer
sachlichen und fundierten Berichterstat-
tung schätze, ein Artikel erscheint, in
dem Sätze stehen wie: „Maaßen kümmert
das nicht, er hat jetzt wie damals eine
Agenda. Ein wichtiger Punkt darauf lau-
tet: recht haben und behalten“, und wenn
dann als Beleg für diese polemische Un-
terstellung berichtet wird, dass er bei ei-
ner CDU-Veranstaltung in Plauen „wie-
der auf Chemnitz und das Video zu spre-
chen“ gekommen sei. Erst in einer mit Ge-
dankenstrich angefügten Ergänzung wird
man darüber informiert, dass dies ge-
schah, weil eine Frage aus dem Publikum
kam.
Maaßen ist also gar nicht selbst auf die-
ses Thema zu sprechen gekommen, son-
dern hat eine Frage beantwortet. Wie er
die beantwortet hat, mag kritikwürdig
sein, obwohl die Autorin Bubrowski
selbst im Vorfeld zugibt, dass es keine ju-
ristische Definition von „Hetzjagd“ gibt
und die gesamte Diskussion Züge eines
Stellvertreterkrieges hatte. Aber darum
geht es mir nicht, sondern wie gesagt um
die Unsachlichkeit und die polemische
Einfärbung der Berichterstattung, die
nicht zum Stil der F.A.Z. passen.
DR. LORE BRÜGGEMANN, BERLIN
Briefe an die Herausgeber
Fahrraddiebstahl
Unsachlich und polemisch
Eine echt englische Harke
Kultursender im Wettbewerb
NEW YORK.Sie stand so dicht am
Netz, dass kaum ein Blatt Papier im Zwi-
schenraum Platz gehabt hätte, und sie
schlug diese unfassbaren, gemeingefähr-
lich guten Volleys. Immer und immer
wieder. Den Freunden des Flugballspiels
ging das Herz auf in Taylor Townsends
großer Stunde, einer der besten Momen-
te des Damentennis in diesem Jahr. Die
meisten modernen Spiele ähneln einan-
der ja sehr, dies war eine glorreiche Aus-
nahme; so verführerisch anders wie eine
wilde Blume in einem Beet voller Eisen-
hut. Mit Angriffstennis der spektakulärs-
ten Art spielte die Amerikanerin eine ve-
ritable Wimbledonsiegerin an die Wand,
und diese Geschichte hat so viele Facet-
ten, dass es schwer ist, Anfang und Ende
zu finden.
Simona Halep, die das Spiel in drei
sehr speziellen Sätzen verlor, gehört zu
den herausragenden Athletinnen in die-
sem Sport. Taylor Townsend eher nicht;
sie wog schon immer deutlich mehr als
die anderen. Ein halbes Jahr, nachdem
sie mit 15 den Juniorentitel bei den Aus-
tralian Open gewonnen hatte, schon da-
mals mit Serve und Volley, stellte der
amerikanische Tennisverband ihre För-
derung mit der Begründung ein, sie sei
nicht fit genug. Die Botschaft war ein-
deutig: Mit diesen Formen, liebes Kind,
passt du nicht ins Konzept.
Townsend ist allerdings trotz ihrer
Pfunde fix auf den Beinen – sonst hätte
sie ja keine Chance, so schnell am Netz
zu sein – , sie bewegt sich mit einer gewis-
sen Geschmeidigkeit. Aber beeindru-
ckend ist vor allem die Konsequenz, mit
der sie nach vorn stürmt. 105 Mal in drei
Sätzen tauchte sie gegen Halep am Netz
auf, 63 Mal gewann sie den Punkt, und
das sind Werte, die es nicht nur im Da-
mentennis nur selten gibt. Zum Ver-
gleich: Als Mischa Zverev 2017 bei den
Australian Open gegen Andy Murray ge-
wann, stürmte er 118 Mal nach vorn – in
vier Sätzen. John McEnroe erklärte Zve-
rev danach zu seinem Lieblingsspieler,
aber auch Taylor Townsend hat promi-
nente Bewunderer. Als sie vor fünf Jah-
ren bei den French Open in Paris, ihrem
ersten Grand-Slam-Turnier, die dritte
Runde erreichte, meldete sich der be-
kannte Frauenversteher Andy Murray zu
Wort und schwärmte vom Auftritt der da-
mals 18 Jahre alten Amerikanerin.
Sie mag nicht über alle Gründe reden,
die eine Fortsetzung des vielversprechen-
den Starts verzögerten. Es sei ein langer
Weg gewesen, erzählte sie nach dem bes-
ten Spiel ihrer Karriere, und sie habe am
Wegesrand viel Hass zu spüren bekom-
men. „Mir wurde oft gesagt, dass ich es
nie schaffen werde. Ir-
gendwann habe ich
es geschafft, von die-
ser Kritik zu profitie-
ren, weil ich den Leu-
ten zeigen wollte,
wie falsch sie liegen.
Ein paar Jahre lang
kam ich mir verloren
vor, wie mitten in ei-
nem Meer vieler Din-
ge. Aber jetzt ist es
schön, dass ich oben treibe, dass ich
schwimmen kann. Ich weiß, wer ich
bin.“
Und sie gönnt sich nicht nur auf dem
Tennisplatz verrückte Dinge. Nachdem
sie im März beim Turnier in Miami zügig
in zwei Sätzen gegen ebendiese Simona
Halep verloren hatte, ging sie im Umklei-
deraum auf die Rumänin zu und fragte,
was sie besser machen könne. Die Rumä-
nin sagt, sie sei ziemlich überrascht gewe-
sen von dieser Aktion, irgendwie habe
ihr die Sache aber gefallen, und so habe
sie ein paar Sachen erzählt. In Wimble-
don hätte es fast schon zu einem besonde-
ren Sieg gereicht, doch Townsend verlor
nach einem Matchball gegen die Hollän-
derin Kiki Bertens. Das wirkte lange
nach, doch nun spielt es keine Rolle
mehr, weil es neue Bilder für das Gedan-
kenkino gibt. Für Taylor Townsend war
dieser Nachmittag in New York, an dem
sie die Siegerin der French Open 2018
und Wimbledon 2019 schlug, wie sie es
selbst ausdrückte, nichts weniger als „mo-
numental“. Ein Nachmittag, in dem sie
den Beweis erkennen kann, sie gehöre
jetzt wirklich dazu. DORIS HENKEL
A
ls Max Verstappen im Frühjahr
2016 befördert wurde, aus dem
Ausbildungsbetrieb Toro Rosso
in den Mutterrennstall Red
Bull, war er 19 Jahre alt, hatte aber schon
23 Formel-1-Rennen hinter sich. Das
geht auch schneller. Alex Albon ist zwar
schon 23 Jahre alt, aber wenn er am Sonn-
tag auf dem Circuit de Spa-Francor-
champs zum ersten Mal für Red Bull star-
tet, wird es sein 13. Formel-1-Rennen
sein. Ein Dutzend Grands Prix bei Toro
Rosso und 16 eingefahrene WM-Punkte
haben gereicht, um aus dem Sohn eines
englischen Rennfahrers und einer thai-
ländischen Mutter einen Red-Bull-Pilo-
ten zu machen. Ein Aufstieg mit erstaun-
licher Beschleunigung: plötzlich Fach-
kraft jenes Teams, das Mercedes schla-
gen konnte in dieser Saison, als einziges.
In Spielberg im Juni und in Hockenheim
im Juli. Ein Aufstieg mit klarem Auftrag:
einem, der sich durch die Erfolge und
durch deren Kehrseite definiert, durch
das Missverhältnis von Licht und Schat-
ten, das die Formel-1-Saison 2019 bei
Red Bull charakterisiert.
Denn während Max Verstappen in der
Steiermark und in Baden die Konkurrenz
hinter sich ließ, mühte sich sein bisheriger
Teamkollege Pierre Gasly zu Platz sieben
in Österreich. In Hockenheim kollidierte
der Franzose mit Albon. Eine Woche spä-
ter wurde er von Verstappen überrundet.
Bei Red Bull hatten Teamchef Christian
Horner und Motorsportdirektor Helmut
Marko genug gesehen. Schon nach dem
Rennen in Österreich hatte Horner davon
gesprochen, dass Gasly ein „Reset“ brau-
che, da war es noch als Aufforderung ge-
meint. In der Sommerpause kam das Re-
set in Form eines Anrufs von Marko auf
Gaslys Telefon: Strafversetzung zurück
auf die rollende Auswechselbank bei Toro
Rosso. Schon war Albon aufgestiegen, ins
A-Team. Sein Auftrag: Punkte liefern. Da-
mit Red Bull nicht länger als Ein-Mann-
Show, Titel „Der phänomenale Max“,
durch die Saison zieht und am Ende in der
Konstrukteurswertung doch von einer
Scuderia Ferrari geschlagen wird, deren
Leistungsstand vor Beginn der Ferien Se-
bastian Vettel noch nach deren Ende in
Belgien ernüchternd beschreibt: „Wir
sind in Ungarn Vollgas gefahren und hat-
ten eine Minute Rückstand auf Verstap-
pen und Hamilton, das tut weh.“
Ende der Sommerpause. „Auf einer
Skala von eins bis zehn, wie aufregend ist
das hier für dich?“, wird Albon am Don-
nerstag in Spa gefragt. Antwort: „Ich wür-
de sagen, Aufregung ist Zehn, aber die
Zahl für Nervosität ist auch recht hoch.“
Es ist noch kein Jahr her, da unterschrieb
Albon einen Vertrag bei Nissan, als Fah-
rer in der Formel E. Es schien, als habe
er, trotz vier Siegen in der Formel 2 2018,
keine Aussicht auf ein Formel-1-Cockpit.
49 Wochen später soll er sich mit Max
Verstappen messen, im besten Fall auch
um Siege fahren. „In meiner Karriere lief
es nie sehr flüssig, würde ich sagen. Es
ging hoch und runter für mich, schon
2012.“ Da hatte ihn Marko aus Red Bulls
Nachwuchsprogramm gestrichen. Im
Herbst 2018 rief Marko an, um ihm die
Gelegenheit bei Toro Rosso zu unterbrei-
ten. Und nun befördert er ihn. „Es gibt
eine Menge Fahrer, die großartige Leis-
tungen gebracht haben in der Formel 1,
die nie eine Gelegenheit bekamen, in ei-
nem Siegerauto zu sitzen, in einem Renn-
stall, der Titel gewonnen hat. Es ist eine
Chance für mich, das ist mir echt klar.“
Eine Chance mit begrenzter Halt-
barkeit, das haben Horner und Marko
beim Fahrerwechsel klar gemacht: Albon
kriegt eine Probefahrt über neun Ren-
nen. In der kommenden Saison werden
die Regularien kaum verändert, die der-
zeitigen Kräfteverhältnisse versprechen
Red Bull gute Aussichten. Aber ohne
zweiten Fahrer, der dem Team Punkte lie-
fert, bleibt das Unternehmen auf einer
entscheidenden Position unterqualifi-
ziert im Vergleich zur Konkurrenz. Al-
bon steht sofort unter Druck. Verstap-
pen, gefragt, ob Albon ihm das Leben
schwerer machen könnte, empfing ihn in
Spa mit der Aussage, er schätze Albon
sehr – wie Gasly. Zum Start in Spa be-
kommt der Neue sogar einen Extraschub:
die neueste Ausbaustufe des Honda-Mo-
tors. Verstappen bekommt die erst eine
Woche später in Monza. Doch auch diese
Vorzugsbehandlung hat ihre Schattensei-
te. Albon wird in der Startaufstellung
strafversetzt werden. Verstappen wird
das in Monza zwar auch widerfahren.
Aber dort, so kalkulieren sie bei Red
Bull, ist das Überholen einfacher.
Foto dpa
Foto EPA
Aufstieg ins A-Team
HANNOVER.Esist ein Sommer, der vie-
les verändert hat. Den Blick auf ihn zum
Beispiel. Die Radsportwelt schaut nicht
mehr nur auf ein hoffnungsvolles Verspre-
chen für die Zukunft, sondern auf einen
Rennfahrer mit starken Arbeitsproben im
Hier und Jetzt. Sein Selbstvertrauen ist
deutlich gewachsen, seine Perspektiven
scheinen sich mit seinem Arbeitsplatz-
wechsel für die kommenden Jahre verbes-
sert zu haben. Lennard Kämna ist bei der
Deutschland-Tour in den Rennbetrieb zu-
rückgekehrt. Er hatte im Juli seine erste
Teilnahme an der
Tour de France zur
besten Werbung in ei-
gener Sache genutzt.
Gerade als der Vor-
schusslorbeer, den der
22-Jährige im Hin-
blick auf eine große
Karriere bekam, et-
was zu welken be-
gann, hat er Ernst ge-
macht. Platz sechs bei
einem schweren Teilstück in den Pyrenä-
en, Rang vier bei einer extrem anspruchs-
vollen Alpenetappe. Kämna hat gezeigt,
dass er mit großen Buben Rad fahren
kann. „Da bin ich stolz drauf, keine Fra-
ge“, sagte er bei einem Medientermin zur
Deutschland-Tour in Hannover.
Dass unlängst noch sein Wechsel vom
Team Sunweb zur deutschen Equipe
Bora-hansgrohe bekanntgegeben worden
ist, erläutert er schmunzelnd so: „Es ist
wie im Fußball: Schießt einer drei Tore in
zwei Spielen, ist er begehrt.“ Das ist frei-
lich nur die halbe Wahrheit, denn die
Deals für die neue Saison bahnen sich im
Radsport meist schon früh im Jahr an –
nur dürfen sie erst vom 1. August an be-
kanntgegeben werden. Kämna sowie die
Bora-Führung ließen in Hannover durch-
blicken, dass für beide Seiten schon län-
ger Planungssicherheit besteht. Nur dass
der Rennstall keinen Jungprofi mehr be-
kommt, der „nur“ als größtes hiesiges All-
rounder-Talent gilt. Sondern einen, der
seine Lehrjahre beim Raublinger Renn-
stall fortsetzt und dabei auch bei Rund-
fahrten sofort als Verstärkung wirken
kann. Gut im Zeitfahren, stark am Berg –
Kämna vereinigt die Fähigkeiten, die ein
ambitionierter Rundfahrer benötigt. Bei
Bora-hansgrohe könnte er helfen, genau
die Schwächen zu beheben, die trotz Ema-
nuel Buchmanns viertem Platz bei der
Tour offensichtlich geworden sind. Im
Teamzeitfahren und im Hochgebirge
könnte Buchmann Kämnas Dienste bes-
tens gebrauchen. Kämna wiederum könn-
te im Windschatten des neuen deutschen
Radstars behutsam aufgebaut werden.
Seine Stärke im Zeitfahren und am
Berg hat ihm schon in jungen Jahren den
Ruf eingetragen, der nächste große deut-
sche Rundfahrer zu sein – nach Jan Ull-
rich. Mit all seinen schädlichen Nebenwir-
kungen. Junioren-Weltmeister im Zeitfah-
ren 2014, WM-Zweiter im U-23-Straßen-
rennen 2017 und weitere Erfolge – Käm-
na hat schon früh auf sich aufmerksam ge-
macht. Schon als Kind bewältigte er im
Sattel den Anstieg hinauf nach Alpe
d’Huez, mit 14 zog er aus dem heimischen
Fischerhude bei Bremen ins Sportinter-
nat nach Cottbus. Bei dem Hochbegabten
wurde früh alles auf den Profiradsport
ausgerichtet. Doch er tat sich schwer
beim Übergang ins Profibusiness, vor al-
lem mental. Im Jahr 2018 häuften sich
plötzlich Infekte, der so gut trainierte Mo-
tor geriet ins Stocken, Erschöpfung mach-
te sich breit. Kämna nahm eine Auszeit.
Mit ungewissem Ausgang. Der Norddeut-
sche spricht nicht gerne über diese bange
Zeit. Nur so viel: „Die Pause hat Körper
und Geist sehr geholfen. Ich hatte da
schon 14 Jahre Leistungssport hinter mir.
Manchmal ist es nötig, einen Schritt zu-
rückzugehen“, erzählt das Leichtgewicht.
Zur Premiere der Deutschland-Tour kehr-
te er vor einem Jahr zurück ins Peloton,
aufgeregt, weil er nicht wusste, was er zu
leisten imstande ist. Zur zweiten Ausgabe
in diesen Tagen wirkt er tiefenentspannt.
Was für die neue Sicherheit Kämnas
spricht. Kein Wunder, nach diesem Som-
mer. ALEX WESTHOFF
Ab ans Netz!
Taylor Townsend besiegt Wimbledonsiegerin Halep
NEW YORK (dpa). Roger Federer und
Serena Williams kommen bei den US
Open langsam in Schwung. Die beiden
Titelkandidaten schafften am Freitag
in New York ungefährdete Siege und er-
reichten mühelos das Achtelfinale. Fe-
derer setzte sich gegen den Briten Da-
niel Evans leicht und locker 6:2, 6:2, 6:1
durch. Serena Williams, die beim letz-
ten Grand-Slam-Turnier der Tennissai-
son ihren 24. Titel anstrebt, gewann ge-
gen Karolina Muchova aus Tschechien
6:3, 6:2. Sie trifft nun am Sonntag auf
die Kroatin Petra Martic, die die an
Nummer zwölf gesetzte Lettin Anastasi-
ja Sevastova etwas überraschend 6:4,
6:3 bezwang.
Nachdem Federer in den ersten bei-
den Runden jeweils den ersten Satz ver-
loren hatte, bestimmte er gegen Evans
von Beginn an das Geschehen. Nach
nur 80 Minuten war die einseitige Par-
tie im Arthur Ashe Stadium schon wie-
der vorbei. „Ich habe nichts anders ge-
macht als in den ersten beiden Spie-
len“, sagte der Rekord-Grand-Slam-Tur-
niersieger nach der Begegnung. „Ich
bin froh, dass ich wieder im Achtelfina-
le stehe“, sagte der 38-Jährige. Wegen
des Dauerregens am Mittwoch hatten
zahlreiche Spiele auf den Donnerstag
verlegt werden müssen, so dass viele
Spieler nun an zwei aufeinanderfolgen-
den Tagen spielen müssen. Serena Wil-
liams hatte in den ersten Runden eben-
falls mehr Mühe als erwartet. Gegen
die Tschechin Muchova hatte die
37-Jährige aber keine Probleme. „Ich
mag es, am Tag zu spielen. Dann kann
ich danach nach Hause zu meinem
Baby gehen“, sagte Williams. „Wir er-
zählen abends Geschichten und beten.
Das verpasse ich, wenn ich in der Night
Session ran muss.“ Außer Williams ka-
men auch French-Open-Siegerin
Ashleigh Barty und die Weltranglisten-
dritte Karolina Pliskova weiter.
Eishockey, Champions League, Männer:
Vienna Capitals – Adler Mannheim 1:6.
Fußball,Dritte Liga: Chemnitzer FC – TSV
München 1860 0:1.
Tennis,US Open in New York/New York
(57,239 Mio. Dollar) Herren, Einzel, 3. Runde:
Federer (Schweiz) – Evans (Großbritannien)
6:2, 6:2, 6:1, de Minaur (Australien) – Nishikori
(Japan) 6:2, 6:4, 2:6, 6:3.
Damen, Einzel, 3. Runde: Barty (Australien) –
Sakkari (Griechenland) 7:5, 6:3, Pliskova
(Tschechien) – Jabeur (Tunesien) 6:1, 4:6, 6:4,
Serena Williams (USA) – Muchova (Tsche-
chien) 6:3, 6:2, Martic (Kroatien) – Sevastova
(Lettland) 6:4, 6:3, Konta (Großbritannien) –
Shuai (China) 6:2, 6:3.
Federer
mühelos
Auch Serena Williams im
Achtelfinale der US Open
Ergebnisse
Toro-Rosso-Pilot
Alex Albon bekommt
bei Red Bull eine
Probefahrt über neun
Rennen. Mit einem
klaren Auftrag: Punkte
liefern.
Von Christoph Becker,
Francorchamps
Von Anfang an unter Druck:Aber der zum Mutterrennstall Red Bull beförderte Pilot Alex Albon will die Chance nutzen. Foto AFP
Sport
Mannfürs große Ganze
Jungprofi Kämna soll in Buchmanns Schatten reifen
Lennard Kämna
Taylor Townsend