Neue Zürcher Zeitung - 03.04.2020

(Tina Meador) #1
Quelle: Statista
2700 000 000 Anzahl Menschen,die perEndeMärz2020wegen Covid-19 im «Lockdown»-Modus lebten.

WiegehtesnachdenTurbulenzennunwei-
ter?DieseFragetreibtderzeitvieleAnleger
um.Waren dievergangenen Wochen ein
Vorbebenfür«TheBigOne», einenweiteren,
nochgrösserenRückschlag?Oderpräsentie-
rensichjetztKaufgelegenheiten?


TheMarketversucht, eineAnleitunginvier
Kapitelnzugeben,wieAnlegersicherdurch
dieKrisenavigierenkönnen.



  1. Be stande saufnahme


Der 21 .Februar 2020 warderTag,andem
sichfürdieFinanzmärkteallesänderte.Bis
zudiesemFreitagsahessoaus,alsseidie
Eindämmung desneuartigenCoronavirus
Sars-CoV-2 in derchinesischenProvinz
Hubei einigermassengelungen.Ausserhalb
Chinaswarenbisdahinblossguttausend
Erkrankungsfällebekannt,mehrals die
HälftedavonaufeinemKreuzfahrtschiffvor
derKüsteJapans.


DieseEinschätzungändertesich,alsabdem
21 .Februar simultan AusbrücheinSüd-
korea,inItalienundIranbekanntwurden.
Wassichdanachereignete,istbekannt:Das
VirushatsichaufallenKontinentenausge-
breitet,mitbesonderenSchwerpunktenin
EuropaunddenUSA.


InChinaist–zumindestgemässdenoffiziel-
lenZahlen–derschlimmsteTeilderPande-
mieüberstanden; diezweitgrössteVolks-
wirtschaftderWelt hatdie Rückkehrzur
Normalitäteingeleitet.Anderenasiatischen
Staatenwie Japan,Südkorea,Taiwanund
Singapuristesgelungen,dieAusbreitung
desVirus effektiv einzudämmen–wobei
stetsdieGefahreinesWiederaufflammens
derPandemiebesteht.AndersalsinAsien
steigtdieZahlder ErkrankungeninEuropa
undindenUSAimmernochexponentiell.


Fürdie Weltwirtschaftist diePandemie
–beziehungsweise dieMassnahmender
RegierungenzuihrerEindämmung–ein
Schock inmehrfacherHinsicht.Zunächst
führtsie zueinemAngebotsschock,weil
Produktionskapazitäten stillgelegtwerden
undLieferkettenreissen. ZumZweitenist
diePandemieein Nachfrageschock, weil
MillionenvonMenschenzuHausebleiben
müssen.UnzähligeDienstleistungsbetriebe,
vonderGastronomieundderHotellerie bis
zuFluggesellschaften,Kreuzfahrtunterneh-
men,Messebetreibern,Flughäfenundvielen
mehr,erleidenirreversibleEinnahmenaus-
fälle.DrittenskommteszueinemVermö-
gensschock,weilsichandenFinanzmärkten
–zumindestvorübergehend–Anlagewerte
inBillionenhöhe in Luftaufgelöst haben.
UndviertensschliesslichdrohteinKredit-
schock,weilzahlreicheUnternehmenMühe
bekunden,fälligeSchuldenzurefinanzieren.


DerkombinierteEffektdieserSchockswird
dieWeltwirtschaftstarkinMitleidenschaft
ziehen.Ökonomenüberbietensichgegensei-
tigmit derPublikationvonAnnahmen,wie
starkdieWirtschaftsleistungimerstenund
vorallemimzweitenQuartaldeslaufenden
Jahreseinbrechenwird.Zwischen5und30%
istalleszulesen;dassindAusmassewie
währendderGrossenDepressionderfrü-
henDreissigerjahre. Zehntausende Unter-
nehmenwerden signifikanteEinbussenin
ihremGewinnerleiden.


DieseEinbussen indenUnternehmensge-
winnenversuchendieAktienmärktemitih-
rerKurskorrekturdervergangenenWochen


einzupreisen.DasProblemistbloss:Über
dasAusmass deswirtschaftlichen Scha-
densherrschtaktuellvollkommene Unge-
wissheit.PrognosensindindiesemUmfeld
komplettunnütz, weil diewirtschaftliche
EntwicklungvomweiterenVerlauf –von
derSchwere,derDauer, dergeografischen
AusbreitungunddenMassnahmenderRe-
gierungen–derPandemieabhängigist.

«DerEinbruch


erinnertandie


GrosseDepression»


«DiverseBankenpublizierenPrognosen,die
aufdieKommastellegenausagen,wiesich
dieKonjunkturimzweiten,im drittenund
imviertenQuartalentwickelnwird.Wie
zumTeufelwollendiedaswissen?»,sagt
dazuderamerikanischeValue-Investor Ho-
wardMarksimGesprächmit TheMarket.

DieseUngewissheitäussertsichinden enor-
menSchwankungenund denpanikartigen
Verkaufswellen,diedie Aktienmärktege-
genwärtigerschüttern.AufeinenEinbruch
von9%aneinemTagfolgteineErholungs-
bewegungvon10%amnächstenTag.Dasist
einAusdruckderRatlosigkeitderMärkte;
siewissennicht,wiesiedieAuswirkungen
derPandemieeinpreisensollen.DieFinanz-
märktesindsehreffizientinderVerarbei-
tung«normaler»InformationenwieUnter-
nehmenszahlenoderKonjunkturdaten.Bei
einemexternenSchockwieimaktuellenFall

sindsieabermitvollkommenerUngewiss-
heit konfrontiert,wasesverunmöglicht, die
EffektederPandemie«richtig»einzupreisen.


  1. DieGefahren


Eine RezessioninderWeltwirtschaft–re-
spektiveinTeilendavon–führtzueinem
Rückgangdes CashflowsderUnternehmen.
GleichzeitigwerdendieBankeninderKre-
ditvergabezurückhaltender,unddieBond-
märkteverlangenhöherePrämien.

DasisteingefährlichesUmfeldfürUnter-
nehmen,diezuhochverschuldetsindund
dieauffunktionierendeKapitalmärkteange-
wiesensind,umsichzurefinanzieren.Ge-
ratensieineineKreditklemme,wirdausei-
nemLiquiditäts-rascheinSolvenzproblem.
UmesmitdenWortendesamerikanischen
InvestorsWarrenBuffettzusagen:«Erstbei
Ebbezeigtsich, werohneBadehosenge-
schwommenist.»

DerÖlpreissturzverstärktdieseGefahrbe-
sondersindenUSA.AmdortigenMarktfür
Hochzinsanleihensindderzeit Obligationen
imGesamtwertvonmehrals 1000 Mrd. $
ausstehend.GemässSchätzungenvonGold-
manSachsstammenrund1 30 Mrd.$davon
alleinausdemEnergiesektor.

DieRisikoaufschlägeauf amerikanischen
Unternehmensanleiheninden qualitativ
minderwertigenRatingstufen sindin den
vergangenenTagenmarkantaufmehrals10
Prozentpunktegestiegen(vgl.Grafik1).Der
Bondmarktbeginntalso,einegrössereGe-
fahrvonKonkursen einzupreisen.

GenerellstehtdasFinanzsysteminEuropa
unddenUSAschonseitmehrerenWochen
untererheblichemStress;dereuropäische
BankenindexistaufeinMehrjahrzehntetief
gefallen(vgl.S.26),derBloombergFinan-
cialConditions IndexindenUSAnotierte
letztmalsinderFinanzkrisevon 2008 /09so
tiefwieheute(vgl.Grafik2).DieLiquidität
andenMärktenfürFremdkapitalistausge-
trocknet.

DieZentralbanken versuchenmit immer
grösserenProgrammen,Liquiditätins Fi-
nanzsystemzupumpen.SeitderWochevom
23 .MärzhatdaszueinerleichtenEntspan-
nunggeführt,doch dieGefahreinesUn-
fallsandenMärktenistnichtgebannt.Ein
derartigerUnfallkönntezumBeispielein
Grosskonzernsein,derinLiquiditätsnotge-
rätund Konkursanmeldenmuss,odereine
zuschwachkapitalisierteBank,dievomIn-
terbanken-Finanzierungsmarkt abgeschnit-
tenwird.DaskönntesichzueinerSystem-
kriseausweiten.Mitdengrossengeld-und
fiskalpolitischenStützungspaketenmagdie
Wahrscheinlichkeiteines derartigen Un-
fallszwarabgenommenhaben,dochsieliegt
nichtaufnull.EinderartnichtlinearesEr-
eignislässtsichunmöglichprognostizieren.

EineweitereGefahrindieserfragilenLage
liegtindermangelndenKooperationder
Regierungenund derZentralbanken.Ein
externerSchock–unddasist diePandemie
zweifellos –rechtfertigtdurchausfiskal-
undgeldpolitischeStützungsmassnahmen.
DochandersalsimHerbst 2008 ,alsRegie-
rungenundZentralbankenzurBekämpfung
derFinanzkriseraschundglobalkoordiniert
handelten,istdavonheutenichtszusehen.
DieWeltwirtschaftistgefährlichführerlos.

SovielzurBestandesaufnahmeundzuden
Gefahren.Wie sollenAnlegernun damit
umgehen?


  1. DerUmgangmit Ungewissheit
    DerFinanzmarktisteinkomplexes,adap-
    tivesWesen,dasemotionalhöchst instabil
    ist. WärederMarkteinMensch,müssteman
    ihnals manisch-depressivbezeichnen,weil
    erständigzwischenGierundAngstpendelt.
    UmalsInvestorinExtremsituationennicht
    zumOpferdereigenenEmotionenzuwer-
    den,hatmaneinst,innüchternemZustand
    undbasierendaufder eigenenRisikofähig-
    keitund-toleranz,einestrategischeAsset
    Allocation erstellt. Andieser sollte man
    festhaltenundsienichtbeimerstenWind-
    stossunterEinflussdereigenenEmotionen
    überBordwerfen.SonstläuftmanGefahr,
    imdümmstenMomentzuverkaufen.


EineReiheweitererPrinzipienhilftdabei,
einigermassensicherdurchdiewildenGe-
wässerzunavigieren:

Demutbewahren:Niemandkannprognosti-
zieren,wiesichdieBörsenüberdienächsten

ANALYSE


Anleitung fürdie Krise


Warendie vergangenen Wochen ein Vorbeben für noch grössere Börsenturbulenzen, oder istdas


Schlimmste überstanden? The Marketbeleuchtetdie aktuelleLage an den Finanzmärkten und zeigt,


wie Investoren durch den Sturmnavigieren können. Von Mark Dittli


18 themarket.ch Freitag, 3. April 2020


In Kürze:


y DieGefahreines Unfallsam
Finanzmarkt istnicht gebannt

y GestaffelterEinstieg
istsinnvoll

y Wichtigsindsolide,
wenigverschuldete Bilanzen

2

0

–2

–4

–6

–8

–10

2)StressimUS-Finanzsystem
BloombergFinancial Conditions Index
Quellen: Bloomberg, themarket.ch

200620072 008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019

1)USA:NervositätamMarktfürJunkBondssteigt
Spreaddes BarclaysCapitalU.S. Corp.HighYield Indexzuzehnjährigen US-Treasuries(in Prozentpunkten)
Quellen: Bloomberg, themarket.ch
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